Vom Umgang mit alt gewordenen Eltern
Elisabeth Weise
26. März 2026

Irgendwann passiert es unvermeidlich. Meistens, wenn man zwischen 45 und 60 Jahre alt ist. Bei einigen kommt es schleichend, bei anderen plötzlich und unerwartet: Die eigenen Eltern brauchen Hilfe.

«Es geschah bei einem Spaziergang. Wir mussten einen Bach überqueren und der Untergrund war rutschig. Plötzlich tastete meine Mutter hilfesuchend nach meiner Hand, um sich bei mir abzustützen. Das war ein ganz merkwürdiges Gefühl für mich. Meine Mutter ist eine starke Frau, die immer für mich da war. Doch in diesem Moment wurde mir klar, dass eine neue Zeit begonnen hatte, in der ich zunehmend für sie da sein und ihr Halt geben musste.»

Umbruchszeiten im Leben, in denen sich vertraute Rollen verändern, sind immer eine Herausforderung. Das gilt ganz sicher für die schwächer werdenden Eltern, die sich damit auseinandersetzen müssen, dass nicht mehr alles wie früher funktioniert und sie mehr und mehr auf Hilfe angewiesen sind. Aber auch für die erwachsenen Kinder, die plötzlich – neben der eigenen Familie, dem Beruf und vielen anderen Verpflichtungen – vor einer neuen Aufgabe stehen: sich um die eigenen Eltern zu kümmern, sie verstärkt zu unterstützen und möglicherweise auch zu pflegen.

Die biblische Perspektive 

Was sagt die Bibel zu diesem wichtigen Thema? Zunächst ist festzuhalten: Respekt und Fürsorge gegenüber der älteren Generation sind tief im jüdisch-christlichen Denken verwurzelt. In manchen heidnischen Kulturen wurden alte Eltern, die nicht mehr arbeiten konnten und zur Last fielen, vernachlässigt oder sogar ausgesetzt. In der Bibel hingegen heisst es: «Du sollst Vater und Mutter ehren» (2. Mose 20,12) und: «Verachte deine Mutter nicht, wenn sie alt geworden ist» (Spr. 23,22).

In der frühen Christenheit war die Versorgung hilfsbedürftiger Witwen eine zentrale Aufgabe der Gemeinde. Hatte eine Witwe jedoch Kinder, war es deren Verantwortung, sich um die Mutter zu kümmern. Paulus schreibt: «Wenn aber eine Witwe Kinder oder Enkel hat, so mögen sie zuerst lernen, dem eigenen Haus gegenüber gottesfürchtig zu sein und das, was sie empfangen haben, den Eltern zu vergelten; denn dies ist angenehm vor Gott» (1. Tim. 5,4).

«Warum wir unseren Eltern nichts schulden» – so lautet der Titel eines vielzitierten Buches der Philosophin Barbara Bleisch. Ihrer Ansicht nach sind Kinder nicht verpflichtet, ihren Eltern etwas zurückzugeben. Da Eltern die Kinder ohne deren Einverständnis in die Welt gesetzt haben, gibt es laut der Autorin keine moralische Pflicht zur Dankbarkeit. Wenn man sich um die altgewordenen Eltern kümmern möchte, kann man das tun – aber man hat die Wahl.

Die Bibel lehrt etwas anderes: Kinder sollen den Eltern Empfangenes vergelten. Im Normalfall haben Eltern viel Zeit, Geld und Liebe in ihre Kinder investiert. Deshalb sollen sich diese wiederum um ihre Eltern kümmern, wenn diese Hilfe benötigen.

Auch der Herr Jesus selbst hat, obwohl er unter schrecklichsten Schmerzen am Kreuz litt, in seinen letzten Lebensminuten noch an seine Mutter gedacht und ihre Versorgung gewährleistet (Joh. 19,26–27). Und im Alten Testament fragt Josef, der vielbeschäftigte Vizekanzler Ägyptens, seine Brüder: «Lebt mein Vater noch?» (1. Mose 45,3). Anschliessend holt er den greisen Jakob zu sich, um für ihn sorgen zu können.

Aus biblischer Perspektive haben wir die moralische Verantwortung, uns liebevoll um unsere alt gewordenen Eltern zu kümmern. Soweit, so gut. Aber was heisst das nun konkret? Bedeutet «ehren», dass die Eltern zwingend zu Hause gepflegt werden müssen? Heisst «Empfangenes vergelten», dass sie Vorrang vor den eigenen Kindern und der eigenen Ehe haben? Wie viel Einsatz ist vertretbar?

Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 02/2026