zvg Joel Hildebrand

Uhr
von Interview: Carina Hartmann

Glaube

Frei durch Abhängigkeit

Joel Hildebrand ist fünffacher Vater und arbeitet vollzeitlich in der evangelistischen Kinderarbeit. Zuvor war er in einer Tagesstätte für schwer erziehbare Kinder tätig – ein Umfeld, das er aus eigener Erfahrung kennt. Im Interview erzählt er, wie Jesus ein Leben von Grund auf verändern kann.

Zur Person

Joel Hildebrand, Jahrgang 1989, verheiratet mit Linda, fünf Kinder, angestellt bei KEB Deutschland («Kinder entdecken die Bibel»)

 

Carina: Joel, als du 18 Jahre alt warst, sind deine Eltern umgezogen – dich wollten sie aber nicht mitnehmen. Wie kam es dazu?

Joel: Dafür muss ich ein bisschen ausholen. Ich wurde in eine christliche Familie geboren, zusammen mit drei Geschwistern. Wir besuchten eine christliche Gemeinde, doch die Bibel stand bei uns nicht im Mittelpunkt. Meine Eltern stritten sich oft und liessen sich schliesslich scheiden, als ich etwa 22 war.  
Als Kind ging ich mit zu den Gottesdiensten. Mit ungefähr 11 Jahren bekam ich immer mehr Spannungen mit meinen Eltern. Ich kam in eine Einrichtung für Schwererziehbare. Heute denke ich, dass ich damals nicht schwer erziehbar war – meine Eltern hatten jedoch Schwierigkeiten, mit mir zurechtzukommen. Hätten sie selbst nicht so grosse Probleme miteinander gehabt, wäre ich wahrscheinlich nicht dort gelandet.
Ich musste täglich nach der Schule dorthin. Es war keine schöne Zeit: Da waren Jungs, die härter und gewaltbereiter drauf waren. Zu dieser Zeit ging ich auch nicht mehr gerne zur Gemeinde. Mit 16 begann ich, samstagabends erst spät nach Hause zu kommen und sonntags auszuschlafen. Meine Eltern zwangen mich nicht, mit zum Gottesdienst zu kommen, was ich ganz gut fand. Ich begann, immer exzessiver zu leben und ein richtiges Partyleben zu führen – mein Leben bestand aus Fussball, Alkohol, Mädchen und all diesen Dingen. Ich blendete Gott aus und schob den Gedanken an ihn weit von mir. Das Ganze wurde noch eine Stufe schlimmer, als ich 18 wurde und mir vom Gesetz her noch mehr erlaubt war.
Zu dieser Zeit also zogen meine Eltern um, und da ich mich nicht an Regeln hielt und auch wirklich gefährliche Dinge tat, sagten sie mir, dass ich nicht mehr mit umziehen werde. Das war mir ziemlich egal, und heute kann ich das auch gut verstehen. So lebte ich einige Monate bei Freunden, schlief auf der Couch. Später kam ich bei meiner Oma unter und irgendwann konnte ich mir gerade so eine Wohnung leisten. Manchmal reichte das Geld nicht, und ich erhielt vermehrt Einträge im Schuldenregister. So schlug ich mich bis 20 durch.

 

Carina: Gab es dann einen Wendepunkt?

Joel: Gott sei Dank, ja. Irgendwann merkte ich: «So geht es nicht mehr weiter.» Eines Morgens kam mir der Gedanke, wieder einmal in den Gottesdienst zu gehen. Seit sechs oder sieben Jahren war ich nicht mehr dort gewesen. Meine Wohnung war ganz in der Nähe der Gemeinde, also ging ich einfach hin. Ich hatte erwartet, dass mich alle ansprechen und auf mich einreden würden. Stattdessen sagten sie «Hallo» und «Schön, dass du da bist». So besuchte ich immer mal wieder den Gottesdienst.
Mit der Zeit merkte ich, dass mich die Predigten trafen – ich erkannte darin mein eigenes Leben wieder. Seit ich die Gemeinde verlassen hatte, gab es kaum einen Moment der Ruhe. Immer hatte ich Radio oder Fernseher laufen, denn Stille konnte ich nicht ertragen. Sonst wäre ich ja ins Nachdenken gekommen, und das wollte ich nicht.
Wilhelm Busch sagte einmal sinngemäss: «Das Leben ist wie ein Theaterstück. Alle stehen auf der Bühne, aber niemand hält einmal an und denkt nach, weil im Hintergrund der Teufel mit der Peitsche knallt, damit bloss keiner stehen bleibt.» So war es bei mir.
Allmählich begann ich, über mein Leben nachzudenken. Ein Freund, der wie ich Fussball spielte, fragte mich irgendwann, ob wir gemeinsam die Bibel lesen wollten. Wir trafen uns daraufhin regelmässig während vier oder fünf Monaten. Es kam der Tag, an dem mir klar wurde: Wenn ich jetzt sterbe, bin ich vor Gott verloren. Ich ging zu meinem Freund: «Johannes, ich möchte mich bekehren.» Dann habe ich Jesus Christus im Gebet mein Leben übergeben.

 

Carina: Was änderte sich danach?

Joel: Ich konnte durch die Kraft Gottes mein Leben ordnen und Dinge auch vor Menschen in Ordnung bringen. Mir war es möglich, Schulbildungen nachzuholen und mein Leben änderte sich um 180 Grad zum Guten. Ich wurde in die Gemeinde aufgenommen und half später in der Kinderstunde und der Jungschar mit. Die Arbeit mit Kindern bereitete mir viel Freude, ich tat das ungefähr zehn Jahre lang ehrenamtlich. In dieser Zeit lernte ich auch meine Frau Linda kennen, und wir gründeten eine Familie.
Ausserdem absolvierte ich eine Ausbildung zum Erzieher und begann, in einem Heim für schwer erziehbare Kinder zu arbeiten. Da waren Kinder, die von der Schule geflogen waren, weil sie Lehrer geschlagen, Schulzimmer angezündet und massive Probleme verursacht hatten. Ich bekam die Not der Kinder und ihrer Familien hautnah mit. Irgendwann merkte ich: Pädagogik ist zwar nicht falsch – etliche Prinzipien finden sich auch in der Bibel –, doch sie allein reicht nicht aus. Sie ist wie ein Pflaster auf eine eiternde Wunde, aber nur die Bibel, das Evangelium, kann heilen. Mein damaliger Chef war jedoch gegen den Glauben, weshalb ich nichts darüber erzählen durfte.
Von einem Kinder- und Jugendpsychologen erfuhr ich, wie seit dem Corona-Lockdown die Zahl psychischer Erkrankungen bei Kindern durch die Decke ging. Das beschäftigte mich sehr, und meine Frau und ich bewegten die Frage, ob ich nicht in die Mission gehen sollte. Wir beteten dafür und lasen gemeinsam in der Bibel. Und dann kam der Moment, wo wir uns einig waren, dass ich mich künftig hauptberuflich in Kinder und Jugendliche investieren sollte. So bin ich seit 2023 bei der KEB Deutschland («Kinder entdecken die Bibel») vollzeitlich angestellt.

 

Carina: Ein wertvolles Zeugnis. Ich kann mir vorstellen, dass man, nachdem man jahrelang in der Welt gelebt hat, immer mal wieder von der Vergangenheit eingeholt wird. Wie geht man damit um, wenn alte Dinge hochkommen und man vielleicht Traurigkeit über frühere Entscheidungen oder Erlebnisse empfindet?

Joel: Eine gute Frage. In Johannes 8,32 steht: «Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.» Dieser Vers war für mich unglaublich wichtig, als ich Christ wurde. Früher dachte ich, das Christentum sei ein Käfig. Aber ich verstand nun: Es ist genau andersherum. Die Welt war der Käfig – und jetzt bin ich frei.
Entscheidend ist jedoch, was vor diesem Vers steht. Jesus sagt zu den Menschen, die an ihn glauben: «Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.» Und genau darum geht es. Diese Freiheit kann nur durch die Bibel wirklich verstanden und gelebt werden. Natürlich auch durch Gebet, aber Jesus verspricht uns hier Freiheit – mit einer Voraussetzung. Nicht, dass wir uns Gottes Gnade verdienen könnten – darum geht es hier nicht. Aber Jesus sagt klar: in seinem Wort bleiben, nicht einfach nur darin lesen. Das «Bleiben» ist für mich der Schlüssel. Es hat mir geholfen, über die Jahre von vielen Dingen frei zu werden, die früher mein Leben bestimmt haben. Wenn ich Frieden möchte, muss ich mich vom Heiligen Geist erfüllen lassen. Und das geschieht, wenn ich in Gottes Wort bleibe und dieses mich verändert, sowie es im Römerbrief 12,2 steht.

 

Carina: Mit anderen Worten: Wahre Freiheit bedeutet Abhängigkeit von Jesus.

Joel: Genau. Abhängigkeit vom Herrn Jesus und seinem Wort. Vielleicht denkt jetzt jemand: «Das klingt ziemlich gesetzlich, immer nur Bibel, Bibel, Bibel.» Doch ich kann die Bibel gar nicht genug betonen. Wenn ich sie lese und darin den Liebesbrief Gottes an mich entdecke, komme ich zur Ruhe. Bei all den Seelenstürmen und der Herzensunruhe, die einen überkommen können, habe ich einen Ruheort, zu dem ich rund um die Uhr Zugang habe – was für ein Geschenk! Der Herr Jesus sagt: «Kommt her zu mir alle.» Manchmal tue ich mich schwer damit, zu beten. Ich kann viel besser beten, wenn ich vorher in der Bibel gelesen habe.

 

Carina: Ich denke, die meisten kennen Phasen, in denen die Stille Zeit am Morgen eher eine Pflichterfüllung ist. Wie gehst du damit um? Wie gelingt es, dass diese Zeit zu einer gelebten Beziehung mit Gott wird?

Joel: Manchmal weiss man vielleicht nicht so recht, was man mit dem Gelesenen anfangen soll. Was mir hilft, ist ein Bibelleseplan. Mit meinem Plan lese ich in einem Jahr chronologisch die ganze Bibel durch. Ich nehme mir dafür morgens 20 Minuten Zeit. Das ist für mich wie der morgendliche Kaffee – nur für die Seele. Ich habe das Privileg, mich im Laufe des Tages noch intensiver mit der Bibel zu beschäftigen, etwa für Andachten. Inzwischen habe ich auch eine Gebetsliste und nehme mir dafür ungefähr eine halbe Stunde am Morgen.
Meine Frau und ich lesen gerade den Philipperbrief zusammen. So haben wir weitere 20–30 Minuten am Tag, in denen wir uns über einen Bibeltext austauschen. Wir nehmen uns jeweils ein Kapitel vor und stellen uns dazu zwei Fragen, über die wir dann sprechen. Ein Leseauftrag oder Fragen zum Text sind sehr hilfreich, um in seinem Wort zu bleiben – gerade, wenn man abends müde ist.

 

Carina: Deine eigene Geschichte hilft dir heute, mit Menschen ins Gespräch zu kommen: Du weisst ein Stück weit, wo sie stehen und was sie beschäftigt. Gläubige, die in einem behüteten Umfeld aufgewachsen sind, sind vielleicht vor vielem bewahrt worden. Wie kann man authentisch und ansprechend auf Menschen zugehen, ohne ihnen das Gefühl zu geben, sie nicht zu verstehen?

Joel: Wichtig ist, dass man nicht denkt: «Ich muss jetzt sofort evangelisieren» und wie ein Jäger auf der Lauer liegt. Das setzt einen selbst unter Druck und wird krampfhaft. Man sollte bereit sein zum Zeugnis geben, aber im Vertrauen darauf und im Gebet, dass Gott die Situation schenkt. Es geht darum, persönliche Beziehungen aufzubauen und mit Menschen in Kontakt zu kommen. Wenn im Kindergarten beispielsweise eine Laubrechenaktion stattfindet, kann man hingehen und mithelfen. Wenn ein Kinderflohmarkt veranstaltet wird, kann man einen Kuchen backen oder eine Schicht übernehmen. Oder jemand hilft in der örtlichen freiwilligen Feuerwehr mit.
Man darf nicht frustriert sein, wenn nicht sofort etwas entsteht. Unsere Aufgabe ist zunächst: Geht hin. Wenn ich hingehe, kann ich innerlich ruhig sein, denn ich tue das, was der Herr Jesus möchte. Ich mache es aus Überzeugung, weil ich Menschen vom Herrn Jesus erzählen möchte. Aber Er muss die Herzen öffnen. Vielleicht verpassen wir manchmal eine Gelegenheit, weil wir uns nicht trauen. Aber der Herr kann uns wieder eine neue Gelegenheit geben.

 

Carina: Du hast vorhin auch das Thema Fussball angesprochen – inzwischen nutzt du diesen Sport aktiv als Möglichkeit zur Mission. Wie beurteilst du, wenn christliche Eltern ihren Kindern verbieten, in weltlichen Vereinen mitzumachen, aus Sorge, das Kind könnte auf einen falschen Weg geraten?

Joel: Mein Papa hatte mir verboten, in einem Fussballverein mitzumachen – mit 16 ging ich dann trotzdem hin. Ich kann die Sorge der Eltern gut nachvollziehen. Beim Kinderfussball sind vor allem die Eltern und ihr Verhalten rund um die Spiele pro­blematisch: Sie schreien die Schiedsrichter und sich gegenseitig an – es ist unsäglich, was da teilweise abgeht. Später kommt dann Konkurrenzdenken und Vergleichen dazu. Man verbringt immer mehr Zeit in dieser Umgebung und bei diesem Sport fliesst viel Alkohol. Deshalb kann ich schon verstehen, wenn Eltern sagen: «Mein Kind geht nicht in einen Fussballverein.» Doch warum nicht eine eigene Alternative schaffen? Vielleicht findet sich jemand aus der Gemeinde, der mit den Kindern regelmässig eine lockere Runde Fussball spielt. Zentral ist mir, dass ich weiss, wo meine Kinder hingehen und mit wem sie Zeit verbringen. Ich möchte und kann sie aber nicht vor allem behüten. Viel wichtiger ist mir, ihnen zu erklären, warum ich bestimmte Dinge glaube. Ich sage ihnen, dass es Gott gibt und dass die Bibel wahr ist. Und ich erkläre ihnen, warum ich das glaube.
Heute als Erwachsener nutze ich Fussball vor allem, um mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Leider kommen die Fussballer nicht zu mir in den Gottesdienst, obwohl ich mir dies natürlich wünschen würde. Also ist mein Auftrag, zu ihnen zu gehen.

 

Carina: Du arbeitest nun vollzeitlich mit Kindern. Es gibt Leute – auch Christen –, die da­ge­gen sind, Kinder zu evangelisieren. Was entgegnest du auf das Argument, die Kinder seien zu jung oder es handle sich um Indoktrination?

Joel: Kinder können sich bekehren. Sie können verloren gehen, gerettet werden und sterben. Ab welchem Alter darf ich ihnen das Evangelium weitergeben? Was ist, wenn ein zwölfjähriges Kind von einem Auto angefahren wird, das vorher schon oft bei mir war, aber ich habe ihm nie etwas erzählt?
Es kommt natürlich darauf an, wie und in welchem Rahmen man das macht. Einmal wurden wir von Christen zu einem Kindergeburtstag eingeladen, um dort das Programm zu machen. Die Eltern der zehn eingeladenen Kinder wussten aber nichts davon. Das geht nach meinem Empfinden nicht. Kinderevangelisation ist ein sehr sensibles Thema. Auf dem Spielplatz gehe ich nie einfach auf ein fremdes Kind zu. Wenn ich einen Spielplatzeinsatz plane, nehme ich Kinder aus meinem Kindertreff mit. Dann habe ich meine Bilder und mein Erzähltheater dabei, etwa zum Thema Schöpfung oder Erntedank. Wir malen beispielsweise zusammen, und irgendwann schauen Omas, Eltern und andere Kinder zu. Das erste Kind fragt: «Was macht ihr da?» Dann sage ich: «Wir haben hier einen Kindertreff. Wir beginnen mit einer kleinen Andacht, dann malen und spielen wir. Wer möchte, kann sich dazusetzen.» Eigentlich setzen sich fast immer alle dazu.

 

 

Carina: Und das hat noch nie zu Problemen geführt?

Joel: Es kommt natürlich darauf an, wie offensiv man auf einem Spielplatz auftritt. Das Evangelium an sich ist schon eine harte Botschaft: Es sagt dem Menschen, dass er ein Sünder ist und völlig danebenliegt. Das dann noch mit der Holzhammermethode rüberzubringen, ist nicht weise. Ich möchte die Menschen ja gewinnen. Das heisst nicht, dass ich eine abgeschwächte Botschaft weitergebe. Doch ich kann sie freundlich vermitteln und auch Kindern freundlich erklären.
Auf einem Spielplatz muss ich nicht zwanzig Minuten über die Hölle sprechen. Ich kann davon sprechen, dass wir von Gott getrennt sind, dass er uns liebt und durch Jesus Christus, seinen Sohn, einen Weg geschaffen hat, wie wir zu ihm kommen können. Jesus hat all das Schlechte und Böse, das wir tun, auf sich genommen. Dann frage ich die Kinder: «Was ist denn etwas Schlechtes?» – «Wenn man jemanden schubst oder wenn Menschen Krieg führen.» – «Genau. Und dafür hat die Bibel ein Wort: Sünde. Der Herr Jesus kann diese Sünden auf sich nehmen.» So versuche ich, es den Kindern einfach zu erklären. Bisher hatte ich keine grossen Pro­bleme mit den Eltern.
Deshalb: Auch Kinder brauchen das Evangelium. Sie haben teilweise grosse Nöte, psychische Erkrankungen nehmen zu. Ich möchte ihnen unbedingt Gott vorstellen – jemanden, bei dem sie ihre Sorgen und Nöte abladen können. In unserer Gesellschaft erleben Kinder unglaublich viel Stress, auch zu Hause. Wo sollen sie denn mit ihrer seelischen Not hin? Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott Kinder trösten möchte. Er möchte jeden Menschen trösten und ihm Frieden mit Gott geben.

 

Carina: Ihr macht auch bei euch zu Hause solche Kindernachmittage. Wie läuft das jeweils ab?

Joel: Das Zuhause ist eine riesige Chance. Bei uns kommen unsere vierjährige Nachbarin und andere Kinder aus dem Dorf. Wir starten zum Beispiel um 16 Uhr und geben den Kindern zunächst rund 15 Minuten Ankunftszeit. Sie dürfen durch die Zimmer gehen – natürlich nicht ins Schlafzimmer, das ist abgeschlossen – und dort Lego spielen oder malen. Gegen 16:15 Uhr sind alle Kinder da. Dann setzen wir uns aufs Sofa, und ich halte eine 15-minütige Andacht zu einem biblischen Thema oder erzähle eine Bibelgeschichte. Danach gebe ich ihnen einen Lernvers mit. Anschliessend können sie den Vers ausmalen, spielen oder wir gehen noch auf den Spielplatz. Das Ganze dauert ungefähr eineinviertel Stunden.
Ich habe festgestellt: Was wir in der Gemeinde durchführen, funktioniert für manche Familien nicht so gut. Ich habe dieselben Kinder auch zu den Gemeindebibeltagen eingeladen – hier kamen sie nicht. Vielleicht ist am Wochenende einfach viel los, und man muss extra ins Auto steigen. Manche haben auch eine gewisse Skepsis gegenüber einer Freikirche. Wenn jedoch der Nachbar sagt: «Wir machen einen Kindertreff», ist das viel unkomplizierter. Von Vorteil ist natürlich, dass wir selbst Kinder haben.

 

Carina: Für alle, die etwas Ähnliches machen möchten: Gibt es rechtliche Aspekte, die man beachten muss?

Wenn das privat durchgeführt wird, eigentlich nicht. Ich möchte dazu ermutigen: Es muss nicht alles perfekt sein. Es geht darum, dass Kinder kommen und man ihnen von der Liebe Gottes erzählen kann. Man darf sich nicht entmutigen lassen, wenn es mal etwas wilder zugeht. Es kann auch einfach eine Stunde sein mit einer 10- bis 15-minütigen Andacht.

 

Carina: Auch Kinderlager sind eine tolle Gelegenheit zur Evangelisation. Manchmal scheint es allerdings, dass solche Freizeiten darauf ausgerichtet sind, möglichst alle Kinder zu bekehren. Was meinst du dazu?

Joel: Davon halte ich nichts, weil ich das als Kind selbst erlebt habe. Ich war auf Jugendtagen, bei denen mit fetziger Musik und der Stimmung sehr viele Emotionen erzeugt wurden. Einmal hatten sich vier Freunde aus der Gemeinde taufen lassen, und ich wollte der Fünfte sein. Mein Vater liess es nicht zu. Zunächst hatte ich kein Verständnis, heute schon. Von diesen vier Freunden gehen drei nicht mehr mit Gott. Im Gegenteil: Zwei wollen mit christlichen Gemeinden gar nichts mehr zu tun haben.
Natürlich muss man bei der Bekehrung nicht völlig emotionslos sein. Gefühle spielen auch eine Rolle. Aber ich halte nichts davon, alle nach vorne zu bitten, die sich bekehren wollen. Gerade Kinder können sich dadurch unter Druck gesetzt fühlen. Sie denken vielleicht: «Was will der jetzt von mir? Ist er sauer, wenn ich nicht nach vorne komme? Mag er mich dann vielleicht nicht mehr, oder bekomme ich morgen weniger Punkte von ihm?» Kindern können alle möglichen Gedanken durch den Kopf gehen.

 

Carina: Wie reagierst du denn, wenn sich ein Kind bekehren möchte?

Joel: Wenn ein Kind zu mir kommt und sich bekehren möchte, sage ich nicht einfach: «Toll! Komm, wir beten.» Ich frage erst einmal: «Warum möchtest du dich bekehren?» Natürlich erwarte ich nicht, dass es alles theologisch korrekt ausdrückt. Aber ich möchte schon herausfinden, warum dieses Kind sich bekehren will. Hat es verstanden, dass es vor Gott schuldig ist und Vergebung braucht? Möchte es wirklich mit dem Herrn Jesus leben? Wenn man merkt, dass das Kind etwas nur tut, weil es glaubt, dass man es von ihm erwartet, kann man nicht einfach weitergehen. Ich möchte keine «Karteileichen» produzieren, bei denen hinterher gesagt wird: «Das Kind ist jetzt Christ» und damit ist die Sache erledigt.
Wir müssen Kinder ernst nehmen und ihnen das Evangelium erklären, ohne sie zu einer Entscheidung zu drängen. Ein Kind soll Fragen stellen dürfen. Und wenn es noch nicht so weit ist, dann ist das in Ordnung. Ich kann ihm trotzdem sagen: «Du kannst jederzeit zu Jesus kommen. Du kannst ihn um Vergebung bitten. Du kannst mit ihm reden.»
Gott selbst arbeitet am Herzen eines Kindes. Wir können das Evangelium weitergeben, erklären, Fragen beantworten – aber wir können keine echte Bekehrung erwirken. Deshalb dürfen wir auch nicht auf irgendwelche Zahlen schauen. Denn was ist ein Jahr später, was ist in fünf Jahren? Viel wichtiger ist, dass ein Kind wirklich verstanden hat, worum es geht, und dass daraus ein echtes Leben mit Jesus entsteht.

 

Carina: Zum Schluss: Gibt es ein besonderes Erlebnis, das du mit uns teilen möchtest?

Joel: Wir hatten einmal einen Arbeiter bei uns zu Hause für Arbeiten an unserem Haus. Der Mann war 46, bereits Frührentner und hatte wirklich viel erlebt: Drogen, Alkohol, von der Frau verlassen und seine Mutter war gestorben. Ein ziemlich kaputter Typ. Nach sieben Stunden Arbeit fuhr ich ihn nach Hause. «Was machst du jetzt noch?», fragte ich ihn. Ich erwartete, dass er noch ein wenig fernsehen würde. Doch er sagte: «Ich lese noch.» – «Was liest du denn?» – «Das Matthäusevangelium.» Bitte, was? «Warum liest du die Bibel?» Da sagte er sinngemäss: «Ich habe in meinem Leben ganz viel Mist gebaut.» Und dann erzählte er mir von einer Bastelstunde für Kinder, die ein Lehrer früher mit ihm gemacht hatte, zu Hause im Keller (eine Art christlicher Kindertreff). Dieser Lehrer hatte zu ihm gesagt: «Man kann immer zu Jesus kommen und ihm seine ganze Schuld geben.» – «Das gibt es doch nicht», dachte ich, und fragte: «Wie hiess das denn damals? War das Jungschar?» – «Ja, genau. Das hiess Jungschar.»
Unglaublich. Da ist ein 46-jähriger Mann, der in seinem Leben mit grossen Problemen kämpft und dann sagt: «Mit elf Jahren habe ich gehört, dass man immer zu Jesus kommen kann.» Seine Eltern waren nicht für ihn da, er wurde ihnen weggenommen. Auch seine Grossmutter kümmerte sich nicht richtig um ihn. Doch da war dieser eine Lehrer, der gesagt hatte: «Du kannst immer zu Jesus kommen.» Dieser Lehrer weiss wohl nicht, was aus diesem Jungen geworden ist. Vielleicht lebt er gar nicht mehr, vielleicht hat er ihn nie wieder gesehen. Möglicherweise hat er damals gedacht: «Heute hat dieser Junge überhaupt nicht zugehört. Die Bastelstunde war chaotisch. Ich habe kaum etwas davon geschafft, was ich mir vorgenommen hatte.» Doch Jahrzehnte später setzt sich dieser Mann abends hin und liest das Matthäus­evangelium.
Wir säen auf Hoffnung! Wir wissen nie, woran Gott die Kinder später einmal noch erinnern wird.

 

Carina: Lieber Joel, vielen Dank für dein offenes Erzählen und die wertvollen Gedanken und Tipps zu diesem Thema! Ich wünsche dir und deiner Familie weiterhin Gottes Führung und Weisheit bei eurer Arbeit.


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