zvg Jessica Uttenweiler

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von Jessica Uttenweiler

Glaube

Interview: Leiderprobt und doch getragen

Ein Glaubensvorbild mit einem ungebrochenen Herzen für die chinesischsprachige Welt

Erica ist gebürtige US-Amerikanerin und lebt seit drei Jahren mit ihren drei Teenagern in Taichung, Taiwan. Von 2004 bis 2020 lebte und arbeitete sie mit ihrem Mann David in einem geschlossenen ostasiatischen Land, wo sie im Bereich Gemeindegründung, Evangelisation und Bibelübersetzung tätig war. Zusammen mit einem Team übersetzte David die Bibel in einen chinesischen Lokaldialekt, sodass diese Volksgruppe erstmals Zugang zur Bibel erhielt. Im Frühjahr 2020 musste die ganze Familie aufgrund politischen Drucks innerhalb von 74 Stunden ihr gesamtes Leben hinter sich lassen. Ein halbes Jahr später starb David mit nur 40 Jahren unerwartet an einem Herzinfarkt beim morgendlichen Sport. Erica ist heute im Bereich Evangelisation, Jüngerschaft, Kinderarbeit und in verschiedenen Kleingruppen tätig. Sie trägt nach wie vor den Wunsch in sich, wieder zurück in die Mission unerreichter Volksgruppen zu gehen.

 

Jessica: Erica, wie war dein Weg in die Mission?

Erica: Es begann mit einem Vortrag an der Uni während meines Studiums über die verfolgte Kirche. Die Tatsache, dass es da draussen Christen gibt, die für ihren Glauben sterben und viele Menschen noch nie in ihrem Leben von Jesus gehört haben, bewegte und traf mich sehr. Gott benutzte diesen Vortrag, um die verfolgte Kirche auf mein Herz zu legen und ich begann mich zu fragen, was der Herr wohl durch mein Leben vorhatte.
Also nahm ich wenig später an einer studentischen Missionsreise teil und sammelte so meine ersten Missionserfahrungen. Ich merkte schnell, dass Gott mich zu einem Leben in der Mission ruft. Ich weiss noch genau, wie ich von dort aus meine Eltern anrief und ihnen sagte, dass ich wahrscheinlich nicht mehr zurückkommen würde.  
Nachdem ich in jenem Sommer wieder zu Hause war, liess mich Gottes Herzensanliegen für die unerreichten Völker einfach nicht mehr los. Mir war es nicht mehr genug, in einer Stadt zu leben, in der ich an jeder Strassenecke eine Kirche sehen konnte. Ich wusste ganz genau, dass der Herr mich ruft, sein Licht in die dunkelsten Orte zu bringen.
Mein Entschluss stand fest: Ich wollte keinen anderen Job ausüben, als den Namen Jesus bekannt zu machen – am liebsten unter unerreichten Völkern.

 

Jessica: Wie sah dein Leben und deine Arbeit in der Mission dann aus?

Erica: Ich verbrachte ein Jahr in Asien in der Mission und war total zufrieden dort. Ich hatte es sogar auf dem Herzen, dem Herrn als Single zu dienen. Aber Gott hatte einen noch besseren Plan für mich. Als ich zum Heimatbesuch in die Staaten kam, teilte meine Mutter mir mit, dass sie beim Arzt eine Frau getroffen hatte, deren Sohn auch als Missionar in Asien arbeitete. Wir trafen uns alle zusammen zum Mittagessen und der Herr öffnete beide unsere Herzen für eine Beziehung. Zwei Jahre später heirateten David und ich und bereiteten uns auf unser gemeinsames Leben in der Mission vor.
Gemeinsam arbeiteten wir dann mit einer sehr ländlichen Volksgruppe zusammen. Diese umfasste eine Handvoll Christen, es gab weder Gemeinden noch besassen die Menschen eine Bibel. Unsere erste Aufgabe bestand also darin, diese Leute und ihre Sprache überhaupt erst mal kennenzulernen und ihre Kultur zu verstehen. Wir liefen stundenlang betend durch die Dörfer und hielten nach denen Ausschau, die uns und unsere Botschaft annehmen wollten. Einige Leute luden uns zu einem kleinen Kennenlerngespräch bei Tee und Sonnenblumenkernen ein, und wir nutzten jede Gelegenheit, eine Brücke zum Evangelium zu schlagen. Als nächsten Schritt machten wir uns auf, ein Teil ihrer Community zu werden. Dafür gab es ganz verschiedene Wege: Englischunterricht, medizinische Einrichtungen, Kinderangebote usw., wo es immer mehr möglich war, das Evangelium zu teilen.
Nach und nach fanden Menschen zum Glauben, die dann wiederum ihren Familien von Jesus erzählten. So entstanden ganz natürlich Kleingruppen, in denen wir die biblische Lehre vermitteln und erklären konnten, wie biblische Gemeinde aussieht. Kirche oder Gemeinde bedeutet in diesem Kontext etwas ganz anderes als das, was wir im Westen darunter verstehen. Bei uns gab es keine grossen Gebäude, in denen sich alle Christen sonntags treffen konnten, um eine Predigt zu hören. Für uns war Kirche einfach eine Gruppe von Menschen, die zusammenkommt, um sich zu ermutigen, in ihrer eigenen Community das Evangelium bekannt zu machen. In den 16 Jahren, in denen wir dort waren, durften wir erleben, wie Gott sieben kleine Hausgemeinden entstehen liess.  Mein Mann David hat die meiste Zeit damit verbracht, Leiter auszubilden und die Männer zu lehren, wie man mit Christus lebt, wie sie ihre Familien lieben können und wie man Gemeinden leitet.

Jessica: Im Jahr 2020 gab es gleich mehrere existenzielle Schicksalsschläge in deinem Leben. Dein Mann David starb urplötzlich an einem Herzinfarkt. Dies nur wenige Monate, nachdem ihr eurer bisheriges Leben innerhalb von drei Tagen für immer   verlassen musstet. Es herrschte grosser politischer Druck, und alles passierte auch noch in der Hochphase von COVID-19. Wie bist du mit dieser schwierigen Zeit in deinem Leben umgegangen? Wie reflektierst du diese Zeit heute und was denkst du, war der Sinn dieser Krisenzeit?

Erica: Ich weiss ehrlich gesagt bis heute nicht, welchen Sinn das Ganze hatte, aber eins weiss ich: «Der Herr sitzt auf dem Thron und tut, was ihm gefällt» (Ps. 115,3). Für mich war diese Wahrheit genug, um mich durch eine Fehlgeburt zu tragen. Es war genug, um den Verlust unseres Zuhauses und den zerplatzten Traum, bis ans Ende meines Lebens dieser spezifischen Volksgruppe zu dienen, zu verkraften. Und es war genug, mich durch den Verlust meines engsten Freundes, der Liebe meines Lebens und meines «Missionspartners» zu tragen.
Zu wissen, dass Gott souverän ist, dass er gross und mächtig ist und alles in der Hand hält, war der Fels, an dem ich mich in der Zeit dieser beiden herben Verluste festhielt. Als wir durch die erste Tragödie gingen – unsere Heimat und unsere Arbeit der vergangenen 16 Jahre einfach so hinter uns zu lassen –, da hat der Glaube meines Mannes unsere ganze Familie auf wunderbare Weise durchgetragen. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie ich abends weinend im Bett sass, nachdem wir auf brutale Art und Weise aus unserem Leben in Asien gerissen worden waren. Bittere Tränen flossen meine Wangen herab und in meinem verzweifelten, schwachen Glauben klagte ich, dass ich nicht wüsste, ob ich einem Gott, der uns in derartige Tragödien geführt hatte, weiter dienen wollte. Ich werde Davids Antwort nie vergessen. Er zitierte Hiobs tiefgründiges Glaubensbekenntnis: «Doch ich werde ihn preisen.» Und David brachte unsere Familie dazu, Gott selbst im Leid zu loben und ihm weiterhin von ganzen Herzen zu dienen.
Das hat mich gelehrt, wie wir als Gläubige Schicksalsschläge gut durchstehen können. Als der Herr David dann heimholte, da war ich irgendwie vorbereitet. Ich konnte und kann sagen: Ich verstehe nicht, warum das jetzt passieren muss, aber ich weiss, dass Gott immer noch gut ist. Während dieser Zeit hat Gott mir einige Bibelstellen besonders aufs Herz gelegt. Ich las sie immer wieder und lernte sie auswendig. Sie waren mir wie ein Anker für meine Seele und sind es bis heute: Psalm 103, Psalm 91,11–12, Römer 5,3–5 und Römer 11,33–36. Mit Jeremia 17,8 gab mir der Herr die Zusage, dass meine Missionsarbeit in Asien für mich noch nicht zu Ende ist und er mir einen Weg eröffnen wird, zurückzukommen.
Wenn wir jetzt darüber reden, kann ich sagen: Meine Umstände haben sich drastisch geändert, aber mein Gott und mein Lebensruf sind dieselben geblieben. Ich wusste sofort, dass ich weiterhin Gottes Botschaft unter den Völkern bekannt machen muss. Dem Ruf Gottes, in die Mission nach Asien zu gehen, hatte ich schon zugestimmt, lange bevor ich David kennengelernt hatte. Und diesem Ruf werde ich auch weiterhin folgen, bis der Herr mich woanders hinführen wird.
In all diesen Tragödien durfte ich so deutlich erleben, wie Gott uns versorgt hat. Sein wunderbarer Leib Christi hat mich und meine Familie durchgetragen.

Jessica: Dein Ruf in die Mission war relativ
eindeutig. Was würdest du all jenen sagen,
bei denen dieser Ruf nicht so deutlich war? Haben sie etwas verpasst, oder hören sie Gottes Stimme nicht?
Wie siehst du das?

Erica: Die Frage lautet nicht: Sollen wir gehen?, sondern: Wohin sollen wir gehen? Jeder von uns ist berufen, ein Leben in der Mission zu führen. Uns wurde das Geschenk der Errettung und die Hoffnung auf die Ewigkeit mit Christus gegeben, damit wir Gott bekannt machen – an jedem Ort und unter allen Menschen. In meinem Leben war es sehr deutlich: Die Leute, die Gott in mein Leben gestellt hat, die Umstände und die Wege, die er mir zeigte – all das hat bestätigt, dass mein Weg mich auf jeden Fall nach Asien führen wird. Allen, die in ihrem Heimatland sind, möchte ich die Frage stellen: Arbeitest du für den Ruhm und die Ehre Gottes dort, wo du bist? Wenn du nicht in die Mission gehst, gehst du in deine Community? Bemühst du dich, die Zeit, die du hast, zu nutzen?

Interview: Jessica Uttenweiler

Vielen, vielen Dank, Erica, für deine herausfordernden und ermutigenden Worte! Ich hoffe, das Gespräch mit Erica ist für euch genauso eine Inspiration wie für mich, wie man Jesus mit voller Leidenschaft dienen kann und trotz Schicksalsschlägen dem Herrn Jesus aus ganzem Herzen dienen und ihn lieben kann.

 

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