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von Henrik Mohn
Starke Bilder, verschobene Botschaft
Die Bibel ist kein Drehbuch. Sie erzählt knapp, oft geradezu wortkarg, und lässt vieles offen, was ein Film zeigen muss: wie Bethlehem aussah, wie ein Gespräch verlief, was David in einem bestimmten Augenblick durch den Kopf ging. Wer biblische Stoffe verfilmt, muss diese Lücken füllen. Daran ist nichts Anstössiges. Heikel wird es erst, wenn das Hinzugefügte verändert, was der Text eigentlich sagen will.
An diesem Punkt wird «DAVID» interessant. Sunrise Animation erzählt die Geschichte des Hirtenjungen, Goliath-Bezwingers und späteren Königs als grosses animiertes Musical, ausdrücklich «für eine neue Generation». Der Verleih Angel spricht von der biblischen Geschichte Davids. Und vieles daran gelingt: Die Bilder sind stark, die Musik geht ins Ohr, David ist ein Held, mit dem Kinder mitfiebern. Wesentliche Stationen der Samuelbücher sind erkennbar.
In der Nachbesprechung mit meinen Schülern, haben wir zwei Fragen auseinandergehalten:
- Wo nimmt sich der Film Freiheiten, die man ihm lassen kann?
- Und wo verschiebt er die Aussage?
Ein Beispiel für die erste Kategorie ist Goliath. Er hat im Film sechs Finger an jeder Hand. In 1. Samuel 17 steht davon nichts. Aber die Bibel kennt tatsächlich einen riesenhaften Philister mit sechs Fingern und sechs Zehen (2. Sam. 21,20). Der Film leiht sich also ein biblisches Motiv und überträgt es auf Goliath. Das ist künstlerische Freiheit, und sie bleibt als solche erkennbar.
Eine Mutter, über die die Bibel schweigt
Gewichtiger ist die Rolle von Davids Mutter. Schon die offizielle Synopsis lässt Davids Geschichte bei den Liedern seiner Mutter und dem Reden des treuen Gottes beginnen. Im Film wird sie zur prägenden Gestalt seines Glaubens.
Dass David eine Mutter hatte, ist selbstverständlich, und die Bibel erwähnt sie auch, ohne ihren Namen zu nennen. Auf der Flucht vor Saul bringt David seine Eltern in Moab in Sicherheit (1. Sam. 22,3–4). In Psalm 69,9 spricht er von den «Söhnen meiner Mutter», in Psalm 86,16 nennt er sich «Sohn deiner Magd». Eine geistliche Schlüsselrolle lässt sich daraus aber nicht ableiten. Darüber sagt die Schrift schlicht nichts.
Eine Verfilmung darf solche Leerstellen ausgestalten. Sie sollte es nur nicht so tun, dass beim Zuschauer eine vermeintlich biblische Biografie entsteht. Das ist hier nicht nebensächlich, denn die Samuelbücher verorten Davids Glauben sehr klar. Vor Goliath sagt er: «Ich aber komme zu dir im Namen des HERRN der Heerscharen» (1. Sam. 17,45). Und als in Ziklag alles zusammenbricht, heisst es: «Aber David stärkte sich in dem HERRN, seinem Gott» (1. Sam. 30,6). Die Quelle seiner Kraft ist Gott selbst.
Ein Finale, das die Bibel umdreht
Am weitesten entfernt sich der Film im Finale. David gerät in die Gewalt der Amalekiter und soll öffentlich hingerichtet werden. Da stehen Frauen und Kinder auf und beginnen, «Follow the Light» zu singen. Immer mehr Menschen stimmen ein, und das gemeinsame Lied wird zum Wendepunkt, der David rettet.
Diese Episode gibt es weder in 1. noch in 2. Samuel. Auffällig ist aber nicht nur, dass sie erfunden ist, sondern dass sie eine biblische Szene auf den Kopf stellt. In 1. Samuel 30 überfallen die Amalekiter Ziklag und verschleppen Frauen und Kinder. David ist am Ende. Doch er stärkt sich in seinem Gott, befragt den HERRN (V. 8), jagt den Amalekitern nach und befreit die Verschleppten.
Im Film sind die Rollen vertauscht: Nun retten Frauen und Kinder David. Das ist mehr als ein dramaturgischer Einfall. Aus der Geschichte eines Mannes, der sich in äusserster Not an Gott hält und auf dessen Weisung handelt, wird die Geschichte einer Gemeinschaft, die durch Mut, Zusammenhalt und ein Lied die Lage wendet. Beides mag berühren. Aber es ist nicht dieselbe Botschaft.
Welches Licht?
Umso mehr Gewicht bekommt das Lied selbst. «Follow the Light», gesungen von Brandon Engman und Phil Wickham, wurde eigens für den Soundtrack geschrieben. Christen werden bei der Lichtmetapher sofort an Jesus denken, der sagt: «Ich bin das Licht der Welt» (Joh. 8,12), an Psalm 27,1 oder an Psalm 119,105, wo Gottes Wort ein Licht auf dem Weg ist.
Nur: Der Song selbst sagt nicht, wer oder was das Licht ist. Wer die Bibel kennt, setzt Gott ein. Der Text legt das aber nicht fest. In der Bridge geht es um einen Schritt des Glaubens, ums Loslassen und Vertrauen, und am Ende um ein Feuer in der eigenen Seele, dem man folgen soll.
Das klingt anders als David. Er sucht seine Orientierung nicht in sich selbst. «Der HERR ist mein Licht», sagt er (Ps. 27,1). Die Richtung kommt von Gott und seinem Wort, von aussen. Ich will den Machern keine esoterische Absicht unterstellen; dafür gibt es keinen Beleg. Aber die Formulierung ist unscharf und lässt sich ebenso gut als Motto moderner Spiritualität lesen: Vertrau dem Licht in dir.
Wenn Filmbilder die Bibel überschreiben
Ist das zu streng? Ein Animationsfilm ist keine Predigt und kein Kommentar zu den Samuelbüchern. Künstler dürfen verdichten, Figuren entwickeln, Dialoge erfinden. Wer jede Szene daran misst, ob sie wörtlich in der Bibel steht, macht Bibelverfilmungen unmöglich.
Und doch tragen sie eine besondere Verantwortung. Gerade Kinder unterscheiden nicht zwischen 1. Samuel und Drehbuch. Was emotional erzählt, musikalisch getragen und eindrucksvoll bebildert wird, bleibt hängen, und irgendwann kann die Erinnerung an den Film die Erinnerung an den Bibeltext leise ersetzen.
Die Schrift selbst mahnt zu Sorgfalt: «Ihr sollt nichts hinzufügen zu dem Wort, das ich euch gebiete, und sollt nichts davon wegnehmen» (5. Mose 4,2; vgl. Spr. 30,5–6). Diese Verse handeln nicht von Kinofilmen, und man sollte sie nicht als Verbot künstlerischer Freiheit missbrauchen. Das Prinzip dahinter gilt aber: Wir stehen nicht über Gottes Wort und dürfen seine Aussage nicht nach eigenem Geschmack umbauen.
Eine verpasste Chance
Christen müssen «DAVID» deshalb nicht meiden. Ein grosser Teil des Films ist ein guter Anlass, mit Kindern und Jugendlichen über David ins Gespräch zu kommen. Gerade darum wiegt das letzte Drittel so schwer. Die erfundene geistliche Schlüsselrolle der Mutter, das Amalekiter-Finale, die Umkehrung von 1. Samuel 30 und ein Licht, das zum Teil ins Innere des Menschen wandert: Einzeln mag man das hinnehmen, zusammen ergibt es eine theologische Verschiebung.
Schade ist das vor allem, weil die biblische Geschichte keine Nachbesserung braucht. David ist nicht der Mann nach Gottes Herzen, weil er seinem inneren Licht folgt, und auch nicht der Held einer Geschichte über Selbstvertrauen und Zusammenhalt. Er ist ein fehlbarer, später schwer schuldig gewordener Mensch, den Gott erwählt und gebraucht. Stark ist er dort, wo er Gott vertraut – oder, mit seinen eigenen Worten: «Der HERR ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?» (Ps. 27,1)
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