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von Silke Berg

Heimliche Sucht

Oftmals über Monate versteckt, sind die Folgen meist verheerend. Wie helfen, wenn Betroffene keine Hilfe annehmen wollen?

Sie ist auffallend schlank. Meistens trägt sie weite Kleidung und einen dicken Pullover, da sie immerzu friert. Das Mädchen wirkt blass und unkonzentriert, ist ständig müde. Von ihren Klassenkameradinnen bekommt Amelie für ihr Aussehen oft Komplimente; ihre Disziplin beim Essen bringt ihr Bewunderung ein.

Zwei Jahre ist es her, seit ein Mitschüler ihr «dicke Kuh» hinterhergerufen hat. Wie ein Loch brannten sich diese verletzenden Worte in ihren Kopf. Umgehend begann sie mit einer folgenreichen Diät: Innerhalb kürzester Zeit verlor Amelie 15 Kilo, und auch nach diesem Erfolg behielt sie ihre Diät bei. Die Nahrungsmittel wurden in «erlaubte» und «verbotene» eingeteilt, mittlerweile gönnt sich die 16-Jährige noch einen Apfel und einen Magerjoghurt pro Tag. Geschickt schafft sie es zu verbergen, so wenig zu essen, oder dass etwas nicht in Ordnung sein könnte.

In der Schule lässt sie sich durch kritische Bemerkungen schnell verunsichern; trotz ihres Einser-Zeugnisses sieht Amelie sich selbst als durchschnittlich und wenig begabt. Erreicht sie nicht das beste Ergebnis der Klasse, ist sie unzufrieden und fühlt sich als Versagerin. Deshalb versucht sie jetzt, im Sport zu glänzen; täglich wird trainiert und der Körper zu Höchstleistungen angetrieben, um die aufgenommenen Kalorien wieder loszuwerden.

Amelie kommt aus einer grossen Familie mit vier weiteren Geschwistern. Zu Hause gibt es oft Streit und Meinungsverschiedenheiten untereinander und zwischen den Eltern, was sie als harmoniebedürftige Person sehr belastet. Besonders nervt sie das Thema «Essen». Ihre Eltern machen sich Sorgen um sie und möchten erreichen, dass ihre Tochter wieder normal isst. Die Folgen sind meistens Konflikte und Auseinandersetzungen.

Ihre Familie gehört zu einer christlichen Gemeinde. Schon früh hat Amelie das Evangelium gehört und geglaubt. Jetzt in der Pubertät fällt es ihr jedoch zunehmend schwerer, Gott zu vertrauen und seinen Zusagen zu glauben. Zweifel haben die Oberhand gewonnen und sie hat den Eindruck, dass ihre Gebete bei Gott kein Gehör finden.Und dann passiert es: Nachdem sie einmal nicht verhindern kann, dass ihre Mutter sie im Badezimmer unbekleidet sieht, kommt der Stein ins Rollen. Entsetzt über ihren körperlichen Zustand stellt die Mutter sie auf die Waage: 38 Kilogramm. Der Hausarzt schreibt sofort eine Kliniküberweisung, für Amelie besteht akute Lebensgefahr. Fast hätte sie sich zu Tode gehungert.

Magersucht

Der Ausdruck zeigt die Parallelen zu anderen Suchterkrankungen auf. Die Problematik einer Sucht wird wie folgt beschrieben: «Das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet.»

Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 01/2022


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