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von Yvonne Schwengeler
Wenn der Horizont verschwindet
Es war vor vielen Jahren. Ein langgehegter Traum, mit dem Katamaran im karibischen Meer unterwegs zu sein, wird Wirklichkeit. Unerwartet stürmisch ist das Meer. Ich stehe mit Freunden am Bug, während mein Mann sich für kurze Zeit in einen der Rümpfe begibt. Wie eine Nussschale hebt und senkt sich der Kat und kämpft gegen die Wellen. Als ich mich umdrehe, wankt Bruno leichenblass an Deck. Ihm ist speiübel. Was ist passiert? Unten in der Kufe verloren seine Augen den Blick auf den Horizont. Sein Gleichgewichtssinn war gestört. Die Fahrt wurde für ihn zum Albtraum. Ist dies nicht ein treffendes Bild für den Zustand unserer Gesellschaft?
Der Ausspruch des Philosophen Friedrich Nietzsche vom «toten Gott» ist längst Kult geworden und hat eine eigene Dynamik entwickelt. In seinem berühmten Textstück aus der «Fröhlichen Wissenschaft» schlüpft Nietzsche in die Rolle des «tollen Menschen», um den Lesern etwas mitzuteilen, das offenbar ihren geistigen Horizont übersteigt. Die Menschen tappten noch im Dunkeln, weshalb der tolle Mensch «am hellen Vormittag eine Laterne anzündete». Deswegen ist der Wahnsinnige ein Seher, ein Prophet, ein Aufklärer: «Ich komme zu früh, ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen.»
Unterdessen ist diese Botschaft vom toten oder nichtexistenten Gott angekommen, hat sich in der Gesellschaft etabliert und zeigt seine faulen Früchte. Damit hat die Umdeutung aller Werte begonnen, eine Erosion, die alles ins Wanken brachte und eine Spur der Verwüstung hinterliess. Der Mensch verlor seinen Horizont.
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 01/2022
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