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von Interview: Johannes Bader

Buchstäblich aus dem Dreck gefischt

Eine Hoffnungsgeschichte

Dein Leben hat alles andere als hoffnungsvoll begonnen. Du warst nicht gewollt. Wie blickst du heute auf deine Kindheit zurück?

Kurt Schneck: Wenn ich meinem Leben eine Überschrift geben dürfte, dann wäre es: «Mehr als ich erwarten durfte» oder mit den Worten von Paulus: «Aus Gnade bin ich, was ich bin». Auch Psalm 113,7–8 ist mir wichtig: «Der den Geringen aufrichtet aus dem Staub und den Armen erhöht aus dem Kot, um ihn neben Fürsten zu setzen, neben die Fürsten seines Volkes.»

Ein wenig einfühlsamer Pädagoge sagte einmal zu mir: «Dich haben wir aus dem Kohlekübel gefischt.» Es gehört zum Humor Gottes, dass ich buchstäblich aus dem Dreck gefischt wurde, aber die meiste Zeit meines Lebens auf Burgen und Schlössern verbracht habe. Das Kinderheim, in dem ich meine Kindheit erlebte, war Schloss Leonstein, dann kam Schloss Klaus, Burg Klaus und meinen Lebensabend darf ich mit meiner Frau in Kärnten auf Burg Sternberg verbringen.

Nein, auf die Schlösser und Burgen kommt es natürlich nicht an, aber darauf, was Gott aus einem Leben macht, bei dem die Startbedingungen nicht gerade optimal waren.

Ich war nicht vorgesehen, es sollte mich nicht geben. Für meinen Vater war ich ein Störfaktor und er drängte meine Mutter, mich abtreiben zu lassen. Wir hatten aber einen sehr gottesfürchtigen Hausarzt, der meiner Mutter ins Gewissen geredet hat und ihr sagte: «Tun Sie es nicht, Sie werden ein Leben lang darunter leiden und das ertragen müssen.»

Es gab also kein Ja meines Vaters zu meinem Leben. Erst viel später, als ich Christ wurde, begriff ich, was es heisst, gewollt, geliebt, gebraucht zu sein. Augustinus sagte einmal: «Der Mensch ist ein Gedanke Gottes, der Gestalt und Geschichte wurde ...» So sehe ich das heute. Vieles ist mir in meinem Leben auch erspart geblieben, keine Drogengeschichten, kein Missbrauch.

Ich verstehe meinen Vater. Er war Kriegsheimkehrer, vier, fünf Jahre in Russland und Frankreich, kam als Alkoholiker zurück und hat wie viele Männer seine Kriegserlebnisse nicht verarbeitet. Er wurde mit dem, was er erlebt hat, nicht fertig. So war es von Anfang an eine zerbrechliche Geschichte, diese Beziehung zu meiner Mutter. Das Haus meiner Mutter war zerbombt, wir lebten auf 11 Quadratmetern in einem Stadtteil von Linz, der Glasscherbenviertel genannt wurde.

An meinen Vater habe ich eine schöne und viele traumatische Erinnerungen. Die schöne war, dass er einmal von einer Baustelle – er war Gerüstbauer – mit einem Sack voller Klötze nach Hause kam und auf unserem kleinen Esstisch einen riesigen Turm baute. Da habe ich buchstäblich Bauklötze gestaunt.

Aber es gab auch andere Dinge: Weihnachten hat er regelmässig ruiniert, indem er den Baum umgerissen hat. Es gab harte Strafen für die kleinsten Vergehen. Einmal kam er angetrunken nach Hause und ich hatte aus Versehen meine Spielsachen liegen lassen, eine kleine Holzkiste, in der ich mit einfachen Dingen ein Häuschen gebastelt hatte und damit spielte, mein Vater wäre beinahe drüber gestolpert. Er fluchte und schlug das grosse Holzspaltmesser mitten hinein. So etwas fällt unter Traumzerstörer. Ich hatte als Kind meine «schöne Zukunft» gespielt, er trampelte hinein und machte alles kaputt. Für mich war das eine prägende Erinnerung, die mich noch lange beschäftigte, als ich schon Christ geworden war: Es gelingt ja doch nichts, irgendjemand kommt, macht alles kaputt, sodass nichts mehr übrig bleibt.

Nach so traumatischen Kindheitserlebnissen bleibt oft Schmerz, Trauer, Wut – vielleicht auch Hass auf die Menschen, die einem Leid zufügten. Hattest du die Möglichkeit, mit deinem Vater darüber

zu sprechen? Hast du in diesem Sinne Versöhnung erlebt?

Nein, das war nicht möglich, weil die Ehe meiner Eltern nach vier Jahren in die Brüche ging. Mein Vater verschwand nach meinem 8. Lebensjahr fast vollständig aus meinem Leben. Ich traf ihn noch zweimal an Silvester, da arbeitete er in der Gegend, aber meine Kindheit war überhaupt kein Thema.

Ich trug es ihm nicht nach. Als ich schon länger Christ war, dachte ich noch einmal gründlich über alles nach und konnte wirklich vergeben. So habe ich gelernt, mich mit meiner Lebensgeschichte zu versöhnen, dass es zu meinem Leben gehört und ich nicht ändern kann, was geschehen ist. Ich hege keinen Groll. Auch wenn mein Vater in vielen Dingen an mir schuldig wurde, konnte ich das getrost bei Christus ablegen.

Als ich 15 Jahre alt war, starb mein Vater. Die Polizei stand vor der Wohnungstür und überbrachte mir die Nachricht. Ich weiss bis heute nicht, ob es Selbstmord war, eine Leberzirrose ... Ich konnte damit abschliessen.

Wenn ich heute als Kind Gottes die Dinge beurteile, dann ist es für mich schon wichtig, dass ich nicht an der Vergangenheit festhalten will, sondern dass ich mit Christus nach vorne schauen und unterwegs sein möchte.

Lesen Sie das ganze Interview in ethos 03/2025

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