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von Nicola Vollkommer

Die Geschichte, die nie alt wird

Manchmal drücke ich mitten im Lesen einer bekannten biblischen Episode auf die innere «Pausentaste» und versuche mir auszumalen, wie es den Hauptakteuren im Mittelpunkt des Geschehens ergangen ist.

Zum Beispiel Maria, der Mutter von Jesus, als sie nach der Ankündigung der Geburt Jesu die Worte sprach: «Mir geschehe nach deinem Willen» (Luk. 1,38). Hat ihre Stimme gezittert? Flossen Tränen? War sie überwältigt, vor Schreck gelähmt, ausser sich vor Staunen? Oder alles gleichzeitig?

Sie war mit einem gottesfürchtigen Mann verlobt, ihr Leben lief in berechenbaren Bahnen, alle Zeichen standen auf eine für damalige Verhältnisse gesicherte, wenn auch bescheidene Existenz. Wie lange dauerte es nach der Ankündigung des Engels, bis sie sich des vollen Ausmasses dieser Begegnung bewusst war? Sie war schwanger. Aber nicht von Josef, ihrem Verlobten. Wie verlief das erste Gespräch mit ihm? Wohin wandte sie sich, als klar wurde, dass er von ihren Erklärungen nicht überzeugt war? Immerhin bedurfte es eines himmlischen Eingreifens, um ihn wieder auf die Spur zu bringen (Matth. 1,18–25). Wie lange musste Maria voller Angst und Bange warten? Wie hat ihre Familie reagiert? Wie ging sie mit gehässigem Dorfklatsch um? Eine Frau kann einen gedeihenden Babybauch nicht lange verbergen.

Abgesehen davon: Auf Unzucht stand laut Gesetz die Todesstrafe. Schlimmstenfalls eine Steinigung. Bestenfalls ein verdorbener Ruf. Noch Jahre später erlauben sich Jesu Gegner eine unappetitliche Stichelei mit ihrer beiläufigen Anspielung mitten in einem Schlagabtausch über Vaterschaft: «Wir sind nicht aus Hurerei geboren» (Joh. 8,41).

Auch wenn wir im Laufe von Lukas’ nüchterner Berichterstattung wenig Einblick in Marias innere Gedanken erhalten, können wir aus ihrem Loblied im Haus ihrer Cousine Elisabeth (Luk. 1,46–56) schliessen, was für eine Frau sie war. Wodurch wurde dieses Dankgebet – eine der seitdem am häufigsten vertonten Passagen der Bibel – ausgelöst? Vielleicht war es die Freude, mit der Elisabeth und ihr ungeborenes Kind Maria bei ihrer Ankunft begrüsst haben (Luk. 1,41 ff.). Oder die tiefe Erleichterung, auf ein gleichgesinntes Gegenüber zu treffen, bei dem sie nicht schon wieder in Erklärungsnot kam, sondern die ganz genau wusste, was hier ablief. Kein Kopfschütteln in diesem gesegneten Haus, keine schrägen Blicke, fiese Bemerkungen oder hämische Spöttereien. Jetzt durfte sie in den Grussworten Elisabeths die hörbare und sichtbare Bestätigung für all das erleben, was sie bisher vermutlich mit aller Macht und in grosser Einsamkeit im Glauben festhalten musste: «Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Und woher geschieht mir dies, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?» (Luk. 1,42–43).

Eindrückliche biblische Episoden haben immer eine Vorgeschichte. Elisabeth und Maria sind offensichtlich im Vorfeld schon Frauen des Glaubens, Frauen des Wortes, eingeweiht in die heilbringenden Verheissungen Gottes. Und das zu einer Zeit, in der das Volk Israel in Bedrängnis lebt, der Heilsplan Gottes in Vergessenheit geraten ist, das Joch der römischen Diktatur schwer auf den Schultern der Bevölkerung liegt. Mittendrin finden wir ein paar wenige Diener Gottes, die selbst in den dunkelsten Zeiten die Fingerabdrücke ihres Herrn erkennen. Auch Simeon ist so einer, der lange vor seiner Begegnung im Tempel mit Maria, Joseph und dem Kind Jesus «wartete auf den Trost Israels» (Luk. 2,25), wie auch die Prophetin Hanna, die «trat zur selben Stunde herbei, lobte Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten» (Luk. 2,38).

Wartende, hoffende und glaubende Menschen sehen eben Dinge, die andere nicht sehen. Licht, wenn alles dunkel ist. Trost, wenn geweint wird. Erlösung und Heil, wenn alles verloren zu sein scheint.

Mögen auch wir Sehende und Lobende sein in dieser wunderbaren Weihnachtszeit!

Artikel aus ethos 12/2020.

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