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von Yvonne Schwengeler

Die Pharisäerfalle oder der Fluch der Altersweitsichtigkeit

Es gibt eine Altersweitsichtigkeit, die in die Ferne scharf, aber in die Nähe verschwommen sieht. Das ist «die Krankheit» der Pharisäer. Sie sehen die Verfehlungen der andern überdeutlich, gegenüber den eigenen sind sie blind. Ein kleiner oder grosser Pharisäer steckt wohl in uns allen! Wir sollten das aber nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn diese Haltung lichtet die Reihen in unseren Gemeinden schneller als ein Feuer im Untergeschoss!

Erinnern wir uns, dass Jesus seine härteste und ausführlichste Rede nicht für strauchelnde Sünder oder entmutigte Jünger hielt, sondern für Heuchler, Scheinheilige, Gesetzliche – für die Pharisäer unter ihnen. Wie sie ihn deswegen hassten! Sie hassten ihn, weil er ihre Scheinheiligkeit entlarvte. Jesu Worte schnitten wie Messer in ihre Selbstgerechtigkeit. Sie merkten nicht, dass sie mit zweierlei Mass massen. Wie viel sie scheinbar zur Ehre Gottes, aber in Wirklichkeit zur eigenen Ehre taten. Abgesondert vom gemeinen «Pöbel» betete der Pharisäer: «Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner» (Lukas 18,11).

Das Gift der Gesetzlichkeit macht unsere Augen blind und weckt Stolz in unseren Herzen. Die Freude untereinander wird gespalten durch eine richtende Haltung und einen kritischen Blick. Die Rocklänge der Frauen, der Dutt am Hinterkopf, Anzug und Krawatte statt Jeans – wer darf sich anmassen, darüber zu befinden, was Gott gefällt? Welche Musik, welches Liedgut? Über dem Streit über die Form geht der Inhalt verloren! «Denn der Mensch sieht auf das, was vor Augen ist, aber der Herr sieht auf das Herz» (1. Sam. 16,7 b).

Nicht die Treue zur Bibel ist der Grund, der junge Leute aus den Gemeinden vertreibt, sondern der modrige Hauch der Gesetzlichkeit, der die Schönheit des Evangeliums verdeckt und das Leben unterdrückt. Wir werden durch den Glauben und nicht durch Werke errettet. Die Bibel sagt in Epheser 2,8–9: «Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.»

Wenn einer Rechtgläubigkeit auf seine Fahne schreibt, heisst das noch lange nicht, dass er auch recht gläubig ist! Neben der Rechtgläubigkeit lauert noch ein zweites Ungeheuer: die Rechthaberei. Stets recht haben zu müssen, ist der grösste Beziehungskiller, auch in der Ehe. Und wenn wir uns bei unserer Rechthaberei auch noch auf die Bibel berufen, macht das die Sache nicht besser. Irgendwo las ich: «Vom verlorenen Sohn heisst es in seiner Entscheidungsstunde: ‹Da schlug er in sich.› Das heisst, er wandte seine Kritik gegen sich selbst. Wir Frommen haben oft so schrecklich viel mit der bösen Welt um uns her zu tun, dass wir gar keine Zeit haben, uns mit den eigenen Sünden zu beschäftigen und in uns zu schlagen. Wir schlagen viel lieber nach aussen.»

Wir sind aufgefordert, an der Wahrheit der Bibel festzuhalten, und zwar ohne Abstriche. Aber dort, wo die Liebe fehlt, kommt es zum Missbrauch des Wortes Gottes. Wahrheit und Liebe – diese zwei gehören zusammen. Sowohl Jesus wie auch der Teufel berufen sich in der Versuchungsgeschichte auf das Wort Gottes. Hier wird deutlich: Wer es missbräuchlich gebraucht, wird zum Falschspieler.

Gesetzlichkeit ist das Missverständnis, die Diagnose mit der Therapie zu verwechseln. Das Gesetz zeigt mir meine Schuld und meine Erlösungsbedürftigkeit. Aber zu meinen, durch das Halten des Gesetzes vor Gott gerechtfertigt zu werden, ist ein grober Irrtum. Wenn jedoch ein Mensch das Leben von Jesus geschenkt bekommen hat, dann gelten für ihn die Gebote Gottes, damit das neue Leben auch gelingt. Sicher: Gesetz und Gehorsam gehören zusammen. Aber unser Gehorsam sollte aus Liebe, nicht aus Zwang geschehen, kindlich, nicht knechtisch sein!

Artikel aus ethos 01/2020.

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