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von Bruno Schwengeler
Ein erfülltes Leben – trotz unerfüllter Wünsche
In Gottes Wort kommt das Wort «Wunsch» oder «wünschen» nur etwa fünfmal vor undwenn, dann steht es im Einklang mit dem Willen Gottes. In unserem Leben sehen wir eineandere Realität. Der Alltag ist geprägt von so vielen Ansprüchen, Wünschen und Begehrlichkeiten. Die wenigsten haben zum Ziel, Gott die Ehre zu geben.
Da ist die Angst, zu kurz zu kommen, zu wenig Beachtung und Anerkennung zu finden. Ein Misstrauen Gott gegenüber, dass Er unsere Wünsche, die wir im Gebet formulieren, nicht oder anders erhört, als wir uns das vorstellen. Der Blick geht leicht zum andern, der scheinbar im Glück badet und von Gott verwöhnt wird. Schnell kriecht der Neid in uns hoch, macht unzufrieden, undankbar und vergiftet unsere Seelen. Das Gute, das wir aus Gottes Hand täglich empfangen, blenden wir aus und fokussieren, was uns scheinbar fehlt.
Gottes Wort berichtet im ersten Buch Mose von einer Frau, Lea, die einen sehnlichen und legitimen Wunsch hatte, der unerfüllt blieb: die Liebe ihres Mannes.
Im ersten Buch Mose, Kapitel 29, Vers 16, wird Lea zum ersten Mal erwähnt. Wer ist diese Frau? Als Jakob vor seinem Bruder Esau geflohen ist, trifft er am Brunnen auf den Ländereien seines Onkels Laban Rahel, die dort die Schafe ihres Vaters tränkt. Es scheint Liebe auf den ersten Blick gewesen zu sein, denn nur kurz darauf hält Jakob bei Laban um Rahels Hand an. Zu diesem Zeitpunkt erfahren wir, dass Laban zwei Töchter hatte. Von Lea, der älteren, wird gesagt, «ihre Augen waren ohne Glanz», die jüngere Rahel dagegen hatte einen wohlgeformten Körper und ein hübsches Gesicht.
Wie das so ist bei Männern, schaute auch Jakob nicht auf innere Werte, sondern verliebte sich in die attraktivere Rahel. Sieben Jahre Arbeit bot Jakob seinem Onkel Laban für Rahels Hand. Und es heisst, seine Liebe zu ihr sei so gross gewesen, dass ihm die Jahre wie Tage vorkamen (1. Mose 29,20). In dieser ganzen Zeit blieb Lea unbeachtet im Hintergrund. Es muss schwer für sie gewesen sein, diese Liebe mitanzusehen, während niemand sich für sie interessierte. Als die vereinbarten sieben Jahre um waren, legte der listige Laban dem Jakob nicht Rahel, sondern Lea ins hochzeitliche Bett. Man kann sich kaum vorstellen, dass dieser Betrug gelingen konnte. Da muss Jakob wohl viel vom Hochzeitswein abbekommen haben, dass er die falsche Braut unter dem Schleier nicht erkannte.
Eine interessante Situation, wenn wir daran denken, dass Jakob einst seinen eigenen Vater betrog, indem er sich als Esau verkleidete. Jetzt wurde er selbst Opfer einer ganz ähnlichen Tat: Der Betrüger wird selbst zum Betrogenen. Und Lea? Sie musste tun, was ihr Vater befahl. Ob sie trotzdem die Hoffnung hegte, dass auch Jakob sie lieben könnte?
Jakobs wütende Reaktion am andern Morgen war für Lea eine Demütigung sondergleichen. Lea wurde nicht begehrt, ihre Liebe zurückgewiesen. Das war nicht Jakobs Schuld. Er hatte Lea nie Hoffnungen gemacht. Als Ehemann tat er seine Pflicht, auch im Ehebett, aber sein Herz gehörte einer andern. Nach Rücksprache mit Laban wurde Jakob nach weiteren sieben Jahren auch die geliebte Rahel versprochen. Lea sollte zeitlebens mit einer unerfüllten Liebe leben müssen. Was für ein Schmerz!
Auch heute gibt es viele «Leas», die damit fertig werden müssen, dass ihr Mann sie nicht liebt. Sie müssen zusehen, wie er ihr untreu wird und sie verlässt. Wie wird man fertig mit diesem Schmerz der Abweisung und Einsamkeit?
Eine solche Zurückweisung nagt gewaltig am eigenen Selbstwertgefühl. Zurückgesetzt, nicht beachtet, verschmäht, nicht geliebt zu werden, ist viel schwerer, als in äusserer Not zu leben. Es gibt Frauen, die in solchen Situationen resignieren oder depressiv werden. Und es gibt andere, die alles daran setzen, um ihre Lage zu ändern. So auch Lea. Jahrelang warb sie um ihren Mann Jakob – umsonst. Einmal erkaufte sie sich von ihrer Schwester gar mit den «Liebesäpfeln» (ein Fruchtbarkeitsmittel) ihres Sohnes Ruben eine Liebesnacht mit dem eigenen Mann. Man stelle sich vor: Lea mietet ihren Mann für eine Nacht von ihrer Rivalin!
Wo ist Gott in meiner Not?
Viele von uns erleben zeitlebens Abweisung und Zurücksetzung. Das kann bitter machen gegenüber Gott und den Menschen. Ist Gott ungerecht? Weshalb leben einige ständig auf der Schattenseite des Lebens, während anderen das Glück scheinbar in den Schoss fällt? Schaut Gott weg? Sieht er unsere Not nicht? Sind wir ihm gleichgültig? Betrachten wir die Situation Leas etwas näher: In 1. Mose 29,30 heisst es, dass Jakob Rahel mehr liebte als Lea. Gleich im nächsten Vers aber lesen wir: «Als aber der Herr sah, dass Lea ungeliebt war, machte er sie fruchtbar; Rahel aber war unfruchtbar.»
Gott sah und handelte, zwar anders, als sich Lea das vorstellte, aber er machte sie reich mit vielen Söhnen. Gott beschenkte Lea und zeigte ihr damit: Schau, ich bin da. Bei mir bist du nicht vergessen, von mir bist du wertgeachtet und geliebt.
Wo wir uns einsam und verlassen fühlen, ist Gott doch da. Er kennt unseren Schmerz und sieht unsere Tränen. Wir dürfen mit unseren Nöten zu unserem himmlischen Vater kommen und gewiss sein, dass er uns niemals aus den Augen verliert. Manchmal verändert er die Umstände, manchmal nicht. In jedem Fall aber gibt er uns die Kraft und die Gnade, die Situation zu tragen, in der wir stehen.
(Artikelauszug aus ethos 04/2018)
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