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von Klaus Güntzschel
Ein Plädoyer für das Vatersein
Es ist über vierzig Jahre her, dass ich mit meinem Vater von Zeit zu Zeit Spaziergänge unternahm. Wenn seine Hand, die für mich als Kind einfach eine gewaltige Grösse hatte, meine kleine Hand in sich vergrub, dann ging es mir gut. Seine Hände, die die Kälte Russlands während des Zweiten Weltkriegs gespürt hatten, waren warm genug, um seinen fünf Kindern ein überaus guter Vater zu sein. Wir gingen auf unserem Lieblingsweg, einem Höhenweg zwischen Ammerbach und Nennsdorf, zwei kleinen und unbedeutenden Nestern ganz in der Nähe meiner Heimatstadt Jena. Kam eine Bank, machten wir eine kleine Pause, und Vater erzählte mir Dinge, die ihm wichtig geworden waren. Einige der Bank-Botschaften haben mich bis heute begleitet. Vater war Frührentner, er hatte bereits einen Herzinfarkt – und nun hatte er Zeit, mit mir spazieren zu gehen. Ich war nicht immer begeistert, aber heute denke ich gern daran zurück – zugegeben, etwas verklärt.
Inzwischen bin ich selbst sechsfacher Vater. Und dankbar dafür, bisher noch keinen Herzinfarkt erlitten zu haben, bin ich ebenso mit meinen Kindern spazieren gegangen (auch sie waren nicht immer begeistert) wie mein Vater mit seinen Kindern. Wieder hat eine grosse Hand viele kleine Hände geführt und dabei geholfen, dass kleine Hände grosse Hände werden.
Glaubst du an dich – oder glaubst du an Gott?
Ich möchte dich als Vater (oder als zukünftigen Vater, Grossvater oder geistlichen Vater) mitnehmen auf einen «Spaziergang» – einen Spaziergang, den ein Vater mit seinem Sohn unternommen hat. Dieser Spaziergang fand vor etwa dreitausend Jahren statt und du und ich, wir haben das ausserordentliche Privileg, lauschen zu dürfen, Zeuge zu sein und von dem Gespräch zu profitieren. Das Grandiose dabei ist, dass dieser Vater, Salomo, von Gott als der weiseste Mann bezeichnet wird, der je auf der Erde gelebt hat. Er hat also etwas zu sagen.
«Vertraue auf den HERRN mit deinem ganzen Herzen, und stütze dich nicht auf deinen Verstand. Erkenne ihn auf allen deinen Wegen, und er wird gerade machen deine Pfade» (Sprüche 3,5–6). Salomo redet hier mit seinem Sohn über das Fundament, das Wichtigste – das, worauf das Leben ruht. Darüber redet man nicht ständig, nicht mal eben am Frühstückstisch – aber irgendwann müssen wir darüber reden. Was trägt durchs Leben und auch durch den Tod? Was verleiht unserem Leben einen ewigen Wert und eine über die Zeit hinausgehende Bedeutung? Wie können wir überhaupt etwas aus diesem Leben in der Ewigkeit wiederfinden?
Salomo gibt seinem Sohn die Antwort, und wir dürfen Zeuge dieses weisen Rats sein: «Vertraue auf den Herrn und nicht auf deinen Verstand.» Kurz: Den Sinn des Lebens findest du nicht in dir, sondern nur in Gott selbst. Hör auf, dich an dem jahrtausendelangen Herumtappen der Philosophen und Weltverbesserer zu beteiligen. Hör auf, da zu suchen, wo du nicht fündig werden wirst. Die Antwort auf die letzten Fragen kannst du nur von Gott bekommen.
Und so ist es nur folgerichtig, dass Salomo seinem Sohn empfiehlt, sein Vertrauen auch allein auf diesen Gott zu setzen. Glaubst du an dich, oder glaubst du an Gott? – Das ist die Frage. Und Salomos Antwort ist eindeutig und so wichtig in unserer Zeit, die von Slogans wie «Yes, we can» oder «Wir schaffen das» widerhallt. Nein, wir schaffen es nicht! Nicht wir sind es, die dem Leben Rettung und Festigkeit verleihen, und auch unser Verstand taugt nicht als Lebensfundament. Es ist Gott selbst, es ist seine Treue, seine unergründliche Weisheit, seine Allmacht und nicht zuletzt seine Fähigkeit, Güte und Wahrheit auf geniale Weise miteinander zu verbinden.
Diese Lektion Salomos hat keinen drohenden oder lebensverneinenden Charakter. Ganz im Gegenteil: Sie ist eine grossartige Befreiung. Ich muss die Sicherheit und Bedeutung für mein Leben nicht in mir selbst suchen, in meiner Mischung aus Unfähigkeit, Dreck und Kurzsichtigkeit, sondern ich darf dieses tragfähige Fundament ausserhalb von mir finden, in Gott selbst. Er trägt mich; nicht ich selbst muss mich durchs Leben schleppen.
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 09/2018.
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