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von Elisabeth Weise
Hedwig von Redern (1866–1935)
Das Leben ist doch herrlich!», denkt die junge Dame, die im Spiegel des vornehmen Münchner Hotelzimmers ihr hübsches Kleid betrachtet. Es ist die perfekte Garderobe für das heutige Nachmittagsprogramm. Gleich wird sie zu einem Besuch in der Alten Pinakothek abgeholt; wie freut sie sich auf die schönen Gemälde, die sie in dem bekannten Kunstmuseum sehen wird. Ja, ihr geht es wirklich gut!
Kein Wunder, denn Hedwig von Redern kannte bisher nur Glück und Wohlstand. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie, ihr Stammbaum ist beachtlich lang, ihr Vater ein verdienter Offizier. Nach verschiedenen Diensteinsätzen hat er sich auf dem Familiensitz Wansdorf bei Spandau zur Ruhe gesetzt. Hier wuchs Hedwig mit ihren Geschwistern in ländlicher Idylle auf und bekam eine ausgezeichnete Bildung. Jetzt ist sie mit ihrer Tante unterwegs auf einer Bildungsreise: Konzerte, Spaziergänge und Ausstellungen stehen auf dem Programm. An Gott denkt die junge Frau dabei nur selten. Hedwigs Eltern sind zwar gläubig, und der Vater schenkte seiner kleinen Tochter zum zehnten Geburtstag eine Bibel, in die er die Worte «Zum eifrigen Gebrauch» schrieb. Aber auch ein Offizier kann den Glauben nicht befehlen. Hedwig tut zwar alles, was von einer frommen jungen Frau ihrer Zeit erwartet wird – sie führt ein anständiges Leben und geht regelmässig in die Kirche –, aber sie kennt Gott nicht persönlich. Sie ist stolz auf ihre eigene Leistung, ihre Schaffenskraft und ihr Talent. Eine glückliche Zukunft liegt vor ihr. Sogar zum Kaiser ist sie schon eingeladen worden – zu dumm, dass sie damals mit Scharlach das Bett hüten musste, statt mit den charmanten Offizieren am Potsdamer Hof zu tanzen ...
Doch während dieser Bildungsreise greift der Allmächtige in das Leben der stolzen jungen Aristokratin ein. Er benutzt dazu zwei Schicksalsschläge, die Hedwig zutiefst erschüttern.
Wenn sich plötzlich die Frage nach Gott stellt
Im Münchner Hotel klopft es an der Tür, ein Bote überbringt eine Eilnachricht. Was kann das sein? Hedwig wird blass und muss sich festhalten, als sie die wenigen Zeilen liest, die ihr das Unerwartete mitteilen: Ihr geliebter und verehrter Vater ist ganz plötzlich verstorben. «Es ging ein Schwert durch meine Seele», schreibt sie später, «ich hatte bisher ganz unbekümmert gelebt.» Schnell reist sie zurück nach Hause.
Noch hat die Familie den Verlust nicht verarbeitet, da geschieht das nächste Unglück: Hohe Flammen schlagen aus den Ställen und Scheunen des alten Ritterguts. Verzweifelt versuchen die Helfer, das Feuer unter Kontrolle zu bringen. Als es endlich gelöscht und der Schaden begutachtet ist, wird klar: Obwohl die Wohnräume verschont geblieben sind, erweist sich die Zerstörung als so gross, dass der jahrhundertealte Familienbesitz nicht mehr zu retten ist. Hedwigs Mutter, die als Witwe nur eine kleine Rente bekommt, bleibt nichts anderes übrig, als das Anwesen zu verkaufen und eine kleine Wohnung in Berlin zu mieten. Nur ein paar der alten Möbel kann sie als Erinnerung mitnehmen. Hedwig muss bitter lachen, als sie sich die schweren, kostbaren Polsterstühle in dem engen Wohnzimmer einer Mietwohnung vorstellt. Das passt doch gar nicht zusammen!
Alles, was ihrem Leben bisher Glanz und Freude verliehen hat, ist ihr entglitten: die intakte Familie, Gesellschaft und Reisen, die persönlichen Kontakte zu den Menschen im Dorf, das unbeschwerte Leben einer jungen Adligen. Welchen Sinn hat ihr Leben jetzt noch? Berlin erscheint ihr grau, unpersönlich, trostlos und anonym. Die Zwanzigjährige droht in Bitterkeit und Depression zu versinken.
Aber Gott hat einen Plan für Hedwigs Leben und weiss genau, warum er sie gerade in diese Stadt geführt hat. Berlin ist zu dieser Zeit das Zentrum einer geistlichen Erweckung, viele Originale des Reiches Gottes wirken hier. Hedwigs Mutter sucht bald nach dem Umzug Kontakt zu Christen und nimmt ihre Tochter mit zu Bibelabenden des Evangelisten Elias Schrenk. In kleinen Kreisen wird anschliessend über Gottes Wort gesprochen, es geht um Themen wie Bekehrung, Wiedergeburt und Heiligung. Hedwig fühlt sich von diesen Treffen angezogen und abgestossen zugleich. «Diese Leute tun, als ob man bisher ein Heide gewesen wäre», schimpft sie. «Ist es nichts, wenn man sein Konfirmationsgelübde treulich hält? Ist es nichts, wenn man Arme und Kranke besucht? Ist es nichts, wenn man einen grossen Schmerz still verborgen in seinem Herzen trägt?»
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 09/2023
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open hands – Hoffnung, die hilft.
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