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von Yvonne Schwengeler

Im freien Fall

Das Credo unserer Zeit: «Ich fühle, also bin ich.» Die Realität, die Wahrheit hängt von der Interpretation eines jeden ab und wird von seinen Erfahrungen und Emotionen beeinflusst. Was uns auffängt und hält.

Gefühle sind unsere innere Antwort, die Reaktion auf die Ereignisse des Lebens. Sie gehören zu uns wie unsere Kleider, hängen uns an, lassen sich weder verleugnen noch ignorieren. Niemand von uns hat völlige Kontrolle darüber, was er fühlt. Gefühle sind gute Freunde, aber schlechte Herren. Sie zeigen, was in uns vorgeht, aber wehe uns, wenn sie ausser Kontrolle geraten, verrückt spielen und uns auf einer emotionalen Achterbahn in schwindelerregende Tiefen stürzen.

«Ich fühle, also bin ich»

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir früher unsere Gefühle wie Wäsche an die Leine hängten und sie vor aller Augen ausbreiteten. Heute ist der emotionale Striptease normal, genauso wie der Subjektivismus. Im postmodernen Zeitalter ist das Gefühl alles. Wir denken nicht mehr, wir fühlen. Man fragt nicht mehr: «Was denken Sie darüber?», sondern: «Was geht in Ihnen vor, wenn ...?»

Die Realität, die Wahrheit hängt von der Interpretation eines jeden ab und wird von seinen Erfahrungen und Emotionen beeinflusst. Die Wahrheit variiert auf diese Weise von Person zu Person – es gibt keine absolute Wahrheit. Deshalb lautet das Motto: «Tu, was dein Bauch, deine Gefühle dir sagen.» Wenn die Liebesgefühle gegenüber dem Ehepartner abflauen – habe ich nicht das Recht, meinen Liebestank anderweitig aufzufüllen? Ich bin das, was ich fühle, und meine Gefühle müssen befriedigt werden! Tatsächlich?

Gefühle im Widerspruch?– Gottes tröstliches «Aber»

Gefühle gehören zu unserem Menschsein, ja, sie sind ein Geschenk Gottes und Teil unserer Ausstattung. Wir sind geschaffen als Beziehungswesen, nicht als Roboter.

Jonathan Edwards, einer der grossen Theologen des 18. Jahrhunderts, sagte: «Gott hat seine Menschen mit zwei Fähigkeiten geschaffen: der Fähigkeit, etwas zu wollen (Verstand), und der Fähigkeit, sich an etwas zu freuen (Gefühle). Gott offenbart dem Menschen seine Wahrheit durch das verstandesmässige Lesen der Bibel – aber er offenbart die Herrlichkeit dieser Wahrheit, damit sich der Mensch mit seinen ganzen Gefühlen an ihr freut.»

Das heisst, wir sollen das Wesen Gottes in der Bibel mit unserem Verstand erkennen, um ihm dann mit dem ganzen Spektrum unserer Gefühle zu begegnen. Alles dürfen wir IHM sagen, bei ihm abladen.

Eines der schlimmsten Gefühle ist die Einsamkeit, ob aufgrund eines fehlenden Partners, einer zerbrochenen Beziehung, dem frühen Tod eines Ehepartners oder durch den Verlust der Arbeitsstelle. So muss es den Jüngern nach der Kreuzigung ihres Herrn gegangen sein. Wir haben nicht auf alles eine Antwort, aber wir wissen, dass ein Grösserer, Liebender über seinen Kindern wacht. «Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr. Denn so viel höher der Himmel ist als die Erde, so sind meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken» (Jes. 55,8–9).

Als Christen nehmen wir manchmal eine etwas widersprüchliche Haltung gegenüber unseren Gefühlen ein. Gott fordert uns auf, uns allezeit zu freuen, dankbar zu sein und auf ihn zu hoffen. Was aber, wenn wir traurig, ängstlich, verärgert oder gar zornig sind? Darf das nicht sein? Doch, natürlich. «In der Welt habt ihr Angst», sagt der Herr Jesus. Doch es geht weiter: «... aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.» Angst, Traurigkeit – diese Gefühle sind da und sie sind berechtigt, denn wir leben in einer gefallenen Welt. Wichtig ist, dass uns dieses «Aber» Gottes davor bewahrt, im freien Fall, in der Verzweiflung zu enden. Lassen wir die Masken aufgesetzter Fröhlichkeit fallen, wenn wir bedrückt, hoffnungslos oder erschöpft sind, und bringen wir das, was uns beschwert, vor unseren Gott, der seine Kinder unendlich liebt.

Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 06/2023

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