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von Dr. Martin Schumacher
Körperliche Ursachen psychischer Störungen
Depressionen, Psychosen, Zwänge, Ängste und Panik – was sind die Ursachen all dieser und anderer psychischer Störungen? Die Antwort auf diese Frage ist nicht so eindeutig, wie es sich viele wünschen. Die einen sind überzeugt, dass der Auslöser psychischer Probleme in den Sünden der Leidenden oder in ihrer mangelhaften Gottesbeziehung liegt, die anderen suchen sie in unverarbeiteten Konflikten aus der Kindheit, in erlittenen Traumata, negativen Umwelteinflüssen, den Genen oder in einem Ungleichgewicht der Neurotransmitter.
Der Mensch ist ein komplexes Geschöpf und Teil sozialer Systeme wie Familie und Gesellschaft. Er ist eine Einheit aus Körper und Geist-Seele (1. Mose 2,7), die eng miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen. Diese einfachen Feststellungen weisen bereits auf die vielen möglichen Ursachen psychischer Störungen hin. Der Einfluss der Seele (gr. Psyche) auf den Körper (gr. Soma) ist allgemein bekannt und wird auch in der Bibel bezeugt (z. B. Spr. 17,22; Ps. 32,3). Die medizinische Fachrichtung der Psychosomatik beschäftigt sich mit dieser Thematik. Weniger bekannt ist jedoch der Einfluss des Körpers auf die Seele in umgekehrter Richtung. Dieser spezielle Zusammenhang und sein Einfluss auf die seelische Gesundheit soll Gegenstand dieses Artikels sein.
Mögliche Ursachen psychischer Störungen
Über die Ursache(n) psychischer Probleme gibt es unter Christen sehr unterschiedliche Auffassungen. In der modernen Psychiatrie dominiert ein biologisches Modell psychischer Störungen. Es konzentriert sich auf die Gene, die Morphologie und die Neurochemie des Gehirns («Ungleichgewichte» von Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin und Glutamat). Allerdings konnten weder das Humangenomprojekt (1990–2003), die Dekade des Gehirns (1990–1999) noch die Einführung moderner bildgebender Verfahren (MRI/MRT, PET, SPECT) das Rätsel der Ursachen psychischer Störungen lösen.
Der amerikanische Psychiater Dr. Thomas Insel war von 2002 bis 2015 Direktor des Nationalen Instituts für seelische Gesundheit der USA (NIMH), der weltweit grössten Forschungsorganisation für psychische Erkrankungen. In einem Interview im September 2015 sagte er: «Ich habe 13 Jahre am NIMH verbracht, um die Neurowissenschaften und die Genetik psychischer Störungen voranzubringen, und wenn ich zurückblicke, stelle ich fest, dass es mir zwar gelungen ist, eine Menge wirklich cooler Publikationen von coolen Wissenschaftlern zu veröffentlichen, und das zu ziemlich hohen Kosten – ich glaube, 20 Milliarden Dollar –, aber ich glaube nicht, dass wir die Nadel bei der Reduzierung von Selbstmorden, der Verringerung von Krankenhausaufenthalten und der Verbesserung der Genesung von Millionen von Menschen mit psychischen Erkrankungen bewegt haben.» Das ist ein ziemlich ernüchterndes Fazit. Tatsächlich gibt es bis heute keine biologischen, chemischen oder physikalischen Tests, die eine psychische Störung mit ausreichender Zuverlässigkeit diagnostizieren können. In der Praxis ist es daher üblich, dass ein Psychiater aufgrund eines Gesprächs eine Diagnose stellt. Umfangreiche Laboruntersuchungen, bildgebende Verfahren, genetische Analysen usw. werden in der Regel nicht durchgeführt.
Das triadische System der deutschen Psychiatrie teilt die psychischen Störungen nach den folgenden drei möglichen Ursachen ein:
Zur ersten Gruppe gehören die endogenen Psychosen (melancholische Depression, Manie, bipolare Störungen, Schizophrenie und Mischformen), deren Ursachen noch nicht bekannt sind, man aber eine organische Erkrankung annimmt. Der Anteil der Menschen, die im Laufe ihres Lebens an einer endogenen Psychose erkranken, liegt unter 5 %.
Störungen mit exogener Ursache beruhen auf körperlichen Erkrankungen (nicht nur des Gehirns). Darauf konzentriert sich dieser Beitrag. In der Geschichte der Psychiatrie war die Entdeckung der Neurosyphilis von grundlegender Bedeutung, da sie es erstmals ermöglichte, eine psychische Krankheit auf eine somatische Ursache (nämlich die Infektion des Gehirns mit dem Bakterium Treponema pallidum) zurückzuführen. Eine weitere wichtige Entdeckung auf diesem Gebiet war die Verursachung einer Psychose durch einen Vitaminmangel (Niacin/Vitamin B3), die sogenannte Pellagra-Psychose. In dem von der WHO herausgegebenen und für uns verbindlichen Diagnosemanual ICD-10 werden «Organische psychische Störungen» vorgestellt, die für uns von Interesse sind und eine passende Diagnose bzw. Klassifizierung ermöglichen (Dilling 2015). Das Wissen um körperliche Ursachen ist also vorhanden, kommt aber in der Praxis oft nicht zur Anwendung.
Die psychogenen Ursachen psychischer Störungen sind sehr vielfältig (z. B. schwierige Kindheit, belastende Lebensumstände, Stress, Verluste, Beziehungsprobleme, erlittene Traumata). Auch die Persönlichkeit/das Temperament der Betroffenen spielt eine wichtige Rolle. Ebenso sind Auswirkungen der modernen Gesellschaft wie fehlende Beziehungen und Einsamkeit, übermässige Beschäftigung mit elektronischen Medien, ungesunde Ernährung («Fastfood») oder Schlafmangel mögliche Gründe. Das Erscheinungsbild dieser psychogen verursachten Störungen umfasst die ganze Bandbreite psychiatrischer Krankheitsbilder. Die meisten psychischen Störungen gehören zu dieser Gruppe.
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 11/2024
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