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von Wolfgang Stedtnitz
Krankheit und Heilung im Licht der Bibel
Vor gut zehn Jahren starb einer meiner beiden besten Freunde an Krebs, obwohl er fest davon überzeugt war, dass er geheilt werden würde. In einem charismatischen Gottesdienst hatte er, wie er sich ausdrückte, eine «Prophezeiung» bekommen: «Es sitzt ein Mensch in dieser Versammlung, der Krebs hat. Dieser Mensch wird gesund werden und ein Röntgenbild wird es beweisen.» Mein Freund bezog diese Aussage unmittelbar auf sich, und ich habe seinen kindlichen Glauben damals sehr bewundert. Aber dieser Glaube war, zumindest was eine mögliche Heilung betraf, ein Irrglaube. Mein Freund hatte es infolgedessen versäumt, sein Haus zu bestellen. Seine Frau erzählte später, ihm sei erst wenige Stunden vor seinem Tod bewusst geworden, dass der Herr ihn wohl zu sich holen und er nicht mehr genesen würde.
Seither bin ich sehr skeptisch, was «Heilungsgottesdienste» und «Prophezeiungen» anbelangt. Ich sage dies allerdings mit einer gehörigen Portion Selbstkritik, denn Erfahrungen, ob positiv oder negativ, sollten niemals der Massstab unserer Theologie sein. Auf Grund des Missbrauchs einer biblischen Verheissung darf ich nicht auf deren Nichteintreffen schliessen. Wer biblisch argumentieren will, sollte, statt sich von seiner Erfahrung leiten zu lassen, so vorgehen, wie es die Christen in Beröa taten: «Sie forschten in der Schrift, um zu erkennen, ob sich’s so verhielte» (Apg. 17,11). «Schriftbeweis» nannte man im Pietismus ein solches Verfahren, und es ist eigentlich schade, dass man diesen Begriff heute nur noch selten hört.
Freilich wird dadurch die Sache nicht einfacher. Denn wer den Schriftbeweis führen will, muss sich die Mühe machen, sich mit den gängigen Schriftauslegungen zu diesem Thema auseinanderzusetzen. Leider werden, gerade im Zusammenhang mit dem Thema «Krankheit und Heilung», sehr oft Stellen aus dem Zusammenhang gerissen. Es werden bestimmte problematische Verse zur Norm erhoben, oder es wird ohne Rücksicht auf das Gesamtzeugnis der Schrift argumentiert.
Eine ausführliche Erörterung der verschiedenen Lehrmeinungen zum Thema «Krankheit und Heilung» würde Bände füllen.
Die Extreme jedoch müssen angesprochen werden. Es sind im Wesentlichen die beiden folgenden: Auf der einen Seite steht die von vielen Charismatikern vertretene Auffassung, dass Heilung auch heute noch die Regel ist und von jedem Christen «beansprucht» werden kann. «Claim it!», rufen die (meist englischsprachigen) Heilungsevangelisten den Gläubigen zu. «Glaube ganz fest, dann wirst du bekommen, woran du geglaubt hast.» Dem gegenüber steht die Auffassung, dass Zeichen und Wunder für die apostolische Zeit reserviert waren und nach Abschluss des neutestamentlichen Kanons verschwunden oder zumindest doch zur Ausnahme geworden sind. Auch diese Lehrmeinung hat ihre Vertreter hauptsächlich in den englischsprachigen Ländern und firmiert dort unter der Bezeichung «cessationism» (cease: aufhören bzw. cessation: Ende).
Meiner Überzeugung nach liegt die Wahrheit ziemlich genau in der Mitte zwischen beiden Extremen, nicht weil das Mittelmass eine erstrebenswerte Grösse wäre, sondern weil ich es für biblische Lehre halte, dass Gott auch heute heilen kann, Er es aber nicht immer will, und das Problem der Christen darin besteht, dass sie oft kleingläubig sind oder eine falsche Vorstellung davon haben, was Glaube überhaupt ist. Diese drei Punkte sollen im Folgenden näher beleuchtet werden, bevor dann abschliessend noch auf einige praktische und seelsorgerliche Aspekte einzugehen sein wird.
(Artikelauszug aus ethos 3/2017)
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