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von Thomas Capelle
Ohne Jungfrauengeburt kein Karfreitag
Viele evangelische Theologen vertreten mittlerweile die Überzeugung, dass Jesus nichts anderes als ein blosser Mensch – nämlich der natürliche Nachkomme von Maria und Josef – war, nicht aber auch der Sohn Gottes und damit geboren von der Jungfrau Maria. So sagte die Lutherbotschafterin der EKD, Margot Kässmann, in einem «Spiegel»-Interview 2013: «Ich glaube, dass Maria eine junge Frau war, die Gott vollkommen vertraut hat. Aber dass sie im medizinischen Sinn Jungfrau war, das glaube ich nicht (...) Ich denke, dass Josef im biologischen Sinne der Vater Jesu war.» Nun vertrat auch der Präsident der Luthergesellschaft, der Kirchengeschichtler Prof. Johannes Schilling, die Meinung, dass es «für einen gegenwärtigen Christen eine intellektuelle Zumutung wäre zu glauben, dass Maria in einem physischen Sinne Jungfrau war». Vielmehr verstünde er das Bekenntnis zur Jungfrauengeburt so, «dass damit die Einzigartigkeit und Sündlosigkeit Jesu Christi ausgedrückt werden soll».
Dann hätte sich die Menschheit selbst erlöst
Wenn Jesus tatsächlich der natürliche Nachkomme des Josef aus Nazareth war, müsste man ihn in der Tradition jüdischer Namensgebung konsequenterweise als «Jesus Ben Josef» bezeichnen. Der Sohn (auf Hebräisch Ben) des Josef wäre demnach ein irdisches Geschöpf Gottes wie alle anderen Menschen auch. Schilling zufolge wäre «Jesus Ben Josef» von anderen Menschen nicht aufgrund seiner göttlichen Natur unterschieden, sondern allein aufgrund seiner Sündlosigkeit, die ihn als Mensch «einzigartig» machte. Diese Überzeugung lässt sich jedoch nicht in Einklang bringen mit der biblischen Aussage, dass alle Menschen Sünder sind. Oder soll nicht mehr gelten, dass «alle gesündigt und die Herrlichkeit verloren haben, die Gott ihnen zugedacht hatte» (Römer 3,23), und «was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch» (Johannes 3,6)? Nehmen wir aber mal an, dass es diesen sündlosen Menschen «Jesus Ben Josef» gegeben hat. Wie erklären sich dann die Bestreiter der Jungfrauengeburt die Erlösung, die durch den zwar sündlosen, aber immerhin doch ganz und gar menschlichen Josefsohn geschehen sein soll? Kann wirklich ein endliches Geschöpf die unermessliche Sünde und unendliche Schuld der ganzen Menschheit auf sich nehmen und sühnen? Kann ein blosser Mensch – selbst der sündloseste – die übrige Menschheit erlösen? Wenn ja: Dann hätte sich die Menschheit selbst erlöst.
Nur ein weiterer Märtyrer?
Nach Überzeugung von Kässmann, Schilling und leider auch noch anderer Theologen soll auf Golgatha vor 2000 Jahren der Josefsohn Jesus aus Nazareth gestorben sein. Einige Jahrhunderte vor ihm starb aber schon der Prophet Jesaja eines gewaltsamen Todes, wie überhaupt die meisten Propheten als Märtyrer
starben. Auch Jesu Zeitgenosse, Johannes der Täufer, wurde bekanntlich als Unschuldiger enthauptet. Wie erklärt man dann den Unterschied zwischen dem gewaltsamen Tod dieser jüdischen Märtyrer und Jesus, wenn er nur der natürliche Nachkomme von Josef und Maria war? Was machte dann seinen Tod am Kreuz so besonders gegenüber dem Sterben anderer gottesfürchtiger Märtyrer des Alten und Neuen Testaments?
(Artikelauszug aus ethos 03/2018)
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