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von Boris Schmidtgall

Rolle rückwärts in die Antike?

Bioethik im Licht der biblischen Offenbarung

Vor über 130 Jahren kündigte Friedrich Nietzsche die Entmenschlichung des Menschen und Entwertung aller Werte an. Er zog diese Schlussfolgerung aus einem zu seiner Zeit bereits vollzogenen Paradigmenwechsel im Denken westlicher Nationen: «Wir leiten den Menschen nicht mehr vom Geist, von der Gottheit ab, wir haben ihn unter die Tiere zurückgestellt.» Tatsächlich scheint inzwischen das radikale Aufbegehren gegen die von Gott gesetzte, natürliche Ordnung vor nichts mehr halt zu machen – nicht einmal vor dem Schutz des menschlichen Lebens selbst.

Im Jahr 2001 konstatierte Peter Singer, Philosoph und langjähriger Professor an der Universität in Melbourne, in einem Interview mit dem «Spiegel»: «Das Postulat, dass das menschliche Leben heilig ist, gilt nicht mehr. ... Wir entscheiden darüber, welche Art von Leben wir fortsetzen und welche nicht.» Als Bioethiker befasst sich Singer mit der Frage, welcher Umgang mit Leben ethisch angemessen ist. Der gesellschaftliche Einfluss von ihm und seinen Gesinnungsgenossen ist unübersehbar und reicht weit über Fachgrenzen hinaus. Die Folge ist allgemein bekannt: Auf allen Ebenen wird der Schutz menschlichen Lebens gelockert. Es werden Forderungen laut, Abtreibungen bis kurz vor der Geburt zu legitimieren, das Werbeverbot für solche Eingriffe ist gekippt worden und die Sterbehilfe soll «liberalisiert» werden. Doch ist diese Entwicklung neu? War der Schutz menschlichen Lebens vorher immer selbstverständlich? Keineswegs. Ein Blick in die Antike zeigt dies deutlich.

Nichts Neues unter der Sonne

Abtreibung und Kindstötung waren bei den alten Römern und Griechen nicht nur unproblematisch, sie waren ein Teil der Familienplanung. Griechische Philosophen wie Aristoteles oder Plato hielten diese Praktiken für eine Notwendigkeit, um gesunden Nachwuchs hervorzubringen und die Bevölkerung auf einem konstanten Niveau zu halten. Die gleiche Denkweise äusserten auch römische Philosophen, wie etwa Seneca: «Wir knüppeln tolle Hunde nieder, wir schlachten durchgedrehte Ochsen, wir schlachten kranke Schafe, bevor sie die Herde anstecken, wir eliminieren Missgeburten und wir ertränken unsere Kinder, wenn sie allzu schwächlich oder missgestaltet sind. Das Unnütze vom Gesunden zu trennen, ist nicht eine Sache des Zorns, sondern der Vernunft.»

Aber selbst wenn ein Kind gesund zur Welt kam, bedeutete das noch nicht, dass es ein Recht auf Leben hatte. Erst wenn der Familienvater das Kind zum Zeichen der Akzeptanz auf den Arm nahm, durfte es leben. Anderenfalls wurde es einfach ausgesetzt.

Mit Sklaven durfte man praktisch alles machen: kastrieren, foltern, zur Abtreibung zwingen und vieles mehr. Aufstände von Sklaven wurden durch ein ständiges Halten in Angst verhindert. Um abschreckende Exempel zu statuieren, führte man grausame Massenhinrichtungen durch. Allgemein hatten Menschen, die in irgendeiner Weise schwach waren, keinen oder nur einen eingeschränkten Lebensschutz.

Ursächlich für den rücksichtslosen und grausamen Umgang mit menschlichem Leben waren die in der Antike vorherrschenden Grundüberzeugungen. Es wurde an rachsüchtige Götter geglaubt, die sich hauptsächlich mit Intrigen und Kämpfen gegeneinander beschäftigten. Zudem galt der Mensch als ein intelligentes Tier, das durch Evolution zu einem höheren Grad an Vollkommenheit gelangt sei als andere Tiere. Das erklärt, warum die antiken Römer mit Vergnügen dabei zusehen konnten, wie Menschen im Amphitheater von Tieren zerrissen oder mit Schwertern geschlachtet wurden.

Christlicher Einfluss bringt Trendwende

Der christliche Glaube kam in eine Zeit, in der ein grundsätzlicher Schutz des menschlichen Lebens nicht existierte. Im Unterschied zu damals üblichen Auffassungen verurteilten die Christen der ersten Jahrhunderte Abtreibung und Kindstötung einmütig als Mord und beriefen sich dabei auf verschiedene Stellen der Heiligen Schrift – selbst unter schweren Verfolgungen. Tertullian (ca. 160–220 n. Chr.) argumentierte, dass Johannes der Täufer beim Gruss der Maria aus Freude im Mutterleib von Elisabeth hüpfte (Luk. 1,41). Der bekannte römische Apologet schloss daraus, dass Embryonen voll empfindungsfähige Menschen sind, deren Leben ebenso wie bei erwachsenen Individuen zu schützen ist. Diese Überzeugung schlug sich schliesslich in der Apostolischen Konstitution nieder, die vom oströmischen Kaiser Theodosius I im Jahr 380 n. Chr. unterzeichnet wurde. Dort heisst es: «Du sollst nicht dein Kind durch Abtreibung töten noch das Geborene umbringen. Alles Gebildete wird, weil es von Gott eine Seele empfangen hat, gerächt werden wie bei Mord.»

Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 10/2022

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