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von Nicola Vollkommer
Seine Heimat – meine Heimat
Der Tag des Grauens warf monatelang seinen Schatten voraus: Umzüge teilen mit Kindergeburtstagen den Spitzenplatz auf meiner Liste von unbeliebten Aktivitäten. Alle noblen Vorsätze, die ich nach dem letzten Umzug gemacht hatte, erwiesen sich als nutzlos. Rechtzeitig ausmisten? Funktioniert nie. Schneller wie man Sachen wegwirft, sammelt sich Neues an. Wertvolle und nicht abgenutzte Sachen auf Ebay anbieten oder verschenken, Langweiliges in die Tonne? Auch nutzlos. Ich hatte unterschätzt, wie viele langweilige Sachen wir haben, und wie wenig Platz in der Tonne. Und dann die Meinungsunterschiede ... das, was ich wegwerfen will, will mein Mann behalten («man könnte es irgendwann gebrauchen») – und umgekehrt. Irgendwann kommt der spassige Teil. Die neue Wohnung. Gardinen aufhängen, Sitzecken einrichten, das Grün der altmodischen Badezimmerelemente mit Handtüchern und einer Badematte im gleichen Grün abstimmen. «Giftgrün ist wieder im Kommen, warte mal ab», tröstet mich mein Sohn. Sich selber auf die Schulter klopfen, weil alles ziemlich wenig gekostet hat.
Während ich Broschüren auf der Suche nach einem flauschigen Teppich für den Flur durchblättere, muss ich mit einem Kloss im Hals daran denken, dass auch diese Wohnung nur eine vorübergehende Bleibe ist, uns ausgeliehen auf Zeit. Meine wahre Heimat ist woanders. In einer Stadt, die ich mit meinen natürlichen Augen nicht sehen kann, deren Gründer und Baumeister Gott ist. Ich bin hier auf Erden auf Pilgerschaft, unterwegs als Botschafterin aus dieser anderen Welt, im Auftrag eines Königs auf einer lebensrettenden Diplomatenmission. Dieses Bewusstsein füllt mich mit Ehrfurcht und ein wenig Angst. Das Grün der Badezimmerelemente ist wirklich nicht wichtig. Eines Tages werden all die Sorgen um Teppiche und Mülltonnen irgendwo in einem Bindestrich zwischen Geburts- und Todesdatum auf meinem Grabstein hängen bleiben. An jenem Tag wird nur das von Bedeutung sein, was ich in meine ewige Heimat investiert habe.
«Warum lässt Gott uns nicht jetzt schon mehr von der Herrlichkeit des Himmels sehen?», klagte ich in einem Gespräch mit meiner Schwester, als der Herr meinen geliebten Vater vor fast drei Jahren zu sich rief. «Warum dürfen wir nicht sehen, wo Daddy jetzt ist, mit wem er redet, was er macht, ob er an uns denkt und ob er weiss, wie sehr wir ihn vermissen?» Meine Schwester, pragmatisch wie immer, antwortete trocken: «Sei froh, dass du nicht ‹spicken› darfst, Nicola. Ein einziger Blick in den Himmel, Daddy hin oder her, und du würdest vor Sehnsucht wahnsinnig werden und hier auf Erden für nichts mehr gut sein.»
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 03/2022
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