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von Nicola Vollkommer
Stabil bleiben
Als ich Christ wurde, habe ich mein Leben in die Hände eines Gottes gelegt, der Böses zulässt. Er hat mich in eine Welt gesetzt, die am Abgrund steht: In eine Welt, in der guten Menschen schlechte Dinge passieren und böse Menschen gedeihen und gewissenlos über die Leichen der Guten, Unschuldigen und Schwachen gehen, um ihre narzisstischen Ziele zu erreichen. Kurzum: In eine Welt, in der es keine Garantien auf Glück und Erfolg gibt. Eine heftige Zumutung.
«Alles wird gut» – Wirklich?
Diese bedrückenden Gedanken trieben einmal rastlos durch meinen Kopf, als ich einer Gruppe von Drittklässlern aus einem kindgerechten Andachtsbuch vorlesen sollte. Es war die Geschichte von Daniel bei den Löwen. Das Fazit der Andacht lautete: «Gott ist gut. Gott passt immer auf dich auf. Gott schützt dich.» – Wirklich?, dachte ich. Ich blickte in diese jungen Gesichter und fragte mich: Werden sie in 30, 40, 50 Jahren zuversichtlich behaupten, dass Gott sie immer schützt? Kann ich das von meinem Leben sagen, vom Leben meiner Freunde und meiner Familienmitglieder? Wo war der Schutz, als meine Mutter viel zu jung an Krebs erkrankte? Als der Unfall passierte, bei dem meine Freundin ums Leben kam? Als meine deutsche Oma alles verloren hat und nach dem Einmarsch der Russen in Ostpommern zusammen mit ihren Kindern gerade noch mit dem Leben davonkam? Als das Kind einer befreundeten Familie behindert auf die Welt kam? Als der junge Bekannte einen Schlaganfall erlitt? Die Liste ist endlos.
Ich erklärte den Kindern, dass Gottes Schutz nicht immer bedeutet, dass alles im Leben wie am Schnürchen läuft. Daniel erlebte eine sensationelle Rettung aus der grausamen Lage, in der er sich befand. Aber aus irgendeinem Grund tut Gott es nicht immer so. Eher selten, wenn ich ehrlich bin. Obwohl er es könnte: Mit einem Fingerschnippen Covid verschwinden lassen, meine Freundin von ihrem Rheuma heilen, dem arbeitslosen jungen Mann eine Stelle geben, Frieden in der Ukraine schaffen.
Je älter ich werde, desto seichter empfinde ich manche Sprüche, die wir als Christen so leichtfertig von uns geben. «Er wird dich nie über die Massen dessen versuchen, was du verkraftest», sagte ich neulich zu einem jungen Mann, dessen Freundin die Beziehung gerade beendet hatte. Kann ja nicht falsch sein – stammt schliesslich aus der Feder von keinem geringeren als dem Apostel Paulus (1. Kor. 10,13). Aber die Worte klangen hohl und peinlich angesichts des Leids, das der junge Mann gerade durchmachte. Sie waren mehr ein Ausdruck meiner Ratlosigkeit als eine wirksame Ermutigung für ein gebrochenes Herz.
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 05/2022
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