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von Tabitah Bühne
Varanasi – eine Stadt lebt vom Tod
Ich hasse den Tod und versuche normalerweise, ihm so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. In Deutschland ging das immer ganz gut, da findet er im Alltag kaum Platz. Wir tun einfach so, als wären wir nicht vergänglich, ja, wir sind wahre Weltmeister im Verdrängen unserer Endlichkeit. Doch in Indien springt einem der Tod tagtäglich ins Gesicht. Wer dem Sensenmann einmal ganz intensiv begegnen will, macht sich auf den Weg nach Varanasi.
Eine Runde sterben lernen?
Ich habe gerade Besuch aus Deutschland und fliege zusammen mit meinen Geschwistern in die Stadt, in der drei von vier Einwohnern ihr Geld mit dem Tod verdienen. Auf dem langen Weg vom Flughafen zur «Stadt der Lichter» frage ich mich, ob es nicht komisch ist, hierherzukommen, um Menschen beim Sterben zuzusehen. Es fühlt sich falsch an. Abstossend wie Gaffer, die bei einem Autounfall anhalten, um zuzuschauen. Aber ich will Indien besser kennenlernen, und da geht kein Weg an der spirituellen Hauptstadt vorbei. Es riecht nach Kot, Staub und Gewürzen. Die Gassen sind eng und dreckig und wirken nicht gerade einladend. Als der Taxifahrer uns auf einem lehmigen Hof absetzt, pinkelt ein Mann direkt vor uns an eine Hauswand. Eine kleine Blechhütte und eine Kuh warten auf der einen Seite, das Hotel auf der anderen. Wir werden hier zwei Tage verbringen, um etwas über das Sterben zu lernen. Seltsam eigentlich, wo man in Deutschland doch alles dafür tut, um nicht an die ablaufende Sanduhr des Lebens erinnert zu werden. Doch hier ist alles aufs Sterben ausgerichtet. Die Einheimischen verdienen damit ihr Geld, Pilger reisen an, um sich einer Reinigung zu unterziehen, und Touristen wie wir sind auf der Jagd nach interessanten Erfahrungen. Und dann gibt es noch die Toten und «Halbtoten», die Erlösung für ihre Seelen suchen. Denn wer sich hier am Flussufer des Ganges verbrennen lässt, der hat nach dem Glauben der Hindus die Chance, für immer von dem Kreislauf der Wiedergeburt befreit zu werden. Die Seele muss sich dann keinen neuen Körper mehr suchen und kann endlich dem ganzen «Elend des Lebens» entkommen. Das geht nur hier am Marnikarnika Ghat – dem wichtigsten Verbrennungsplatz von Varanasi.
Einführung ins Sterben
Ein kleiner Mann mit dunklen, wachen Augen kommt auf uns zu. Sein Mund ist rot, er kaut Betelnuss; die Zähne sind schon halb verfault und er faltet bedächtig die Hände vor seinem recht eindrucksvollen Bauch. Er erzählt uns, dass er zu den zehn einzigen Männern hier gehöre, die sich um die Toten kümmern, vor allem um die Armen. Er bietet an, uns ein paar Sachen zu erklären. Wir brauchen ihm dafür auch gar kein Geld zu geben, denn er macht das seit sechs Jahren ausschliesslich für sein Karma. Wir sind einverstanden und ich spreche ihn auf den «Kautabak» in seinem Mund an, der alles andere als gesund und asketisch ist. Er entschuldigt sich – das sei wirklich eine schlechte Gewohnheit – und lacht munter. Dann stapft er los, schiebt eine Kuh zur Seite, die sich gerade etwas zu essen sucht, genau wie ein paar Hunde, die nach Überresten buddeln. Wir folgen ihm. Es riecht eigenartig, eine Reihe von Scheiterhaufen liegen qualmend da, Holzverkäufer und Hilfsarbeiter warten auf die nächsten Familien mit ihren Verstorbenen. Ein toter Hund liegt ein paar Meter weiter im dunklen Schlamm. «Werden hier auch Tiere verbrannt?», fragen wir. «Nein, natürlich nicht!», meint unser Guide. «Der ist wahrscheinlich hier angeschwemmt worden. Hier werden nur Leute verbrannt, die sich das Holz leisten können. Wie man stirbt, hängt von der Kaste ab, zu der man gehört. Da unten, direkt am Fluss, sterben die Armen, drüben die Mittelklasse und da oben die Reichen. Wer nicht eines natürlichen Todes gestorben ist, wird auf der anderen Seite des Flusses verbrannt – sie kommen aber nicht sofort ins Nirwana. Und dann gibt es noch Menschen, die nach ihrem Tod nicht brennen müssen, weil sie keine Sünden haben – das sind schwangere Mütter, Leute, die von einer Schlange gebissen wurden, und Kinder unter zehn Jahren sowie die Priester. Sie werden im Ganges versenkt und kommen direkt in
den Himmel.»
(Artikelauszug aus ethos 4/2017)
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