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von Dr. Wolfgang Vreemann
Vergebungsbereitschaft
«Und vergib uns unsere ganze Schuld! Auch wir haben denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern befreie uns von dem Bösen! ... Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird euer Vater im Himmel euch auch vergeben. Wenn ihr den Menschen aber nicht vergebt, dann wird euer Vater auch eure Verfehlungen nicht vergeben» (Matth. 6,12–15, NeÜ).
Mit diesem Gebet bitten jede Woche Millionen von Christen Gott darum, ihnen so zu vergeben, wie sie auch anderen zu vergeben bereit sind. Ich fürchte, viele sind sich der Tragweite dieser Bitte gar nicht bewusst. Jesus sagt hier unmissverständlich: Wenn wir selbst im Alltag nicht bereit sind, zu vergeben, verlieren wir die Vergebung Gottes. Er meint damit die tagtäglichen Verfehlungen, die wir unserem Vater im Himmel bekennen müssen und die er uns dann vergibt, damit unsere Kindesbeziehung zu ihm nicht belastet bleibt.
Vergebungsbereitschaft hängt sehr eng mit Barmherzigkeit zusammen, geht aber noch etwas weiter. Wenn jemand mich durch seine Bemerkungen oder sein Verhalten ärgert oder mir dauernd auf die Nerven geht, kann ich Barmherzigkeit walten lassen. Dieser Mensch braucht nicht meine Vergebung, weil das, was er tut, keine Sünde ist. Es sei denn, er überschreitet die Grenzlinie zur Schuld und fügt mir körperlichen oder seelischen Schaden zu. Dann wird nur meine Vergebungsbereitschaft die Beziehung wieder heilen.
Barmherzigkeit ist eine mehr emotional geprägte Haltung, während die Vergebung ein rational vollzogenes Versprechen ist. Barmherzigkeit kommt aus meinem Herzen, aus meinen Gefühlen, und kann zur Tat werden; Vergebung übe ich in erster Linie mit meinem Verstand aus. Diesen Unterschied sollte man sehr wohl beachten. Grundlage für beides ist aber die Liebe, und eine von Liebe geprägte, barmherzige Haltung erleichtert mir auf jeden Fall die Vergebung. Ich habe einmal folgende Definition geprägt: Vergebung ist der feste Vorsatz und das Versprechen eines Opfers, die Schuld des Täters nie wieder direkt oder indirekt zu erwähnen.
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 11/2022
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