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von Yvonne Schwengeler
«Wärst du hier gewesen ...»
Es ist Marta, die zu Jesus rennt und ihrer Enttäuschung Luft macht. «Wärst du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben! Habe ich nicht nach dir rufen lassen?» – Das ist der Schrei vieler Glaubenden. Sie flehen, hoffen, glauben, aber die Lage spitzt sich zu. Das Unglück nimmt seinen Lauf: die Krankheit verschlimmert sich; der Sohn läuft weiter in sein Verderben; die finanzielle Lage wird immer kritischer. Jetzt, jetzt müsste Gott eingreifen. Warum nur tut er es nicht? Sieht er die Not nicht? Bin ich ihm gleichgültig? Habe ich mich in ihm getäuscht? Fragen, die sich wie Pfeile in unser Leben bohren. Das Schweigen Gottes und die Suche nach Antworten werden zur Qual.
Marta hat ihrem Herzen Luft gemacht, genauso wie viele andere gottesfürchtige Männer und Frauen in der Bibel, deren Erwartungen nicht erfüllt wurden. Aber sie machen das Richtige: Sie deponieren ihren Frust und ihre Enttäuschung an der richtigen Adresse. Auch Marta.
Blenden wir zurück. Was ist passiert? Lazarus, ihr Bruder, ist schwer krank. Marta und ihre Schwester Maria tun das Naheliegende, sie schicken zu Jesus, ihrem vertrauten Freund, der zwei Tagesreisen entfernt ist, und lassen ihn wissen: «Herr, der, den du lieb hast, ist sehr krank.»
Die Freundschaft zwischen Jesus und den drei Geschwistern muss sehr eng gewesen sein, denn Marta nennt nicht mal den Namen ihres Bruders. Wir würden annehmen, dass sich Jesus sofort auf den Weg zu seinem Freund macht. Hat er nicht unzählige Fremde, die seinen Weg kreuzten, geheilt? Jesus reagiert auf die traurige Nachricht für uns unverständlich. Er wartet zwei volle Tage, bis er sich in die Gegend aufmacht, wo sie ihn zuvor steinigen wollten. Im Gegensatz zu den Schwestern sieht er den Sinn des Geschehens: «Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Verherrlichung Gottes, damit der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werde.» Aber, wie um dem Ganzen die Spitze zu nehmen, steht da noch: «Jesus aber hatte Marta lieb und ihre Schwester und Lazarus.»
Auch wenn wir Gottes Wege mit uns nicht verstehen – an seiner Liebe müssen wir nicht zweifeln. Manchmal scheint es, als hätte der Herr Verspätung, aber vielleicht sollen wir erst einmal etwas lernen, bevor der Herr eingreift – wie auch immer.
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 11/2021
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factum – Mensch. Natur. Glaube.
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