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von Edward T. Welch

Warum tun wir, was wir tun?

Menschen sind oft schwer zu begreifen. Wir sehen ihr Verhalten, kennen aber die Motive dahinter nicht. Wo echte Veränderung beginnen muss.

Wie bei einem Eisberg verbirgt sich auch bei uns Menschen bedeutend mehr unter der Oberfläche als darüber.

Ein Kollege kann nett erscheinen, während er Sie die ganze Zeit dazu benutzt, die gesellschaftliche Leiter hinaufzuklettern. Eine Freundin wirkt mitunter gleichgültig, wenn Sie ihr eine schmerzliche Erfahrung mitteilen, doch in Wirklichkeit hat sie schreckliche Angst, Sie durch falsche Worte zu verletzen. Ein erfolgreicher Sportler mag mächtig angeben und sich mit seinen Erfolgen brüsten, während sich hinter seinem forschen Auftreten schlicht die Angst verbirgt, Schwäche zu zeigen.

Unsere sichtbaren Taten erzählen die eine Geschichte, unsere persönlichen Absichten können eine ganz andere weitergeben. Hinter unseren Worten und Taten steht das «Warum wir etwas tun» – unsere Motivation.

Wahrscheinlich haben Sie sich auch schon Fragen gestellt wie: Warum habe ich diese Person geheiratet? Weshalb gerade meinen ganzen Monatslohn auf ein Rennpferd verwettet? Und hin und wieder sind es noch tiefere Fragen: Warum lebe ich? Was ist der Sinn meines Lebens?  

Motivationen sind wichtig

Auch wenn wir uns nicht immer Gedanken über sie machen – Motivationen sind wichtig. Sie sind der Grund, warum wir Robin Hood mögen und den Sheriff von Nottingham verachten. Robin Hood mag der Geächtete sein, aber seine Motivation war edelmütig.

Wenn sich ein Ehemann mit der besten Freundin seiner Frau trifft, um von ihr zu erfahren, was er seiner Liebsten schenken könnte, rechnen wir ihm das hoch an. Aber wenn er die Absicht hat, mit ihr eine Affäre anzufangen, ist er ganz klar ein Schuft.

Eltern sind nicht an einem automatischen oder im Zorn ausgeübten Gehorsam ihrer Kinder interessiert. Vielmehr geht es um die Einstellung dahinter. Es ist ihnen wichtig, was ihre Kinder tun – und warum.

Oder denken wir an den Bereich der Abhängigkeiten. Sei es Essen, Sex, Drogen oder Alkohol – eine Abhängigkeit scheint zwangsläufig zu sein. Der Abhängige ist wie gefangen. Nach dem «Warum?» zu fragen, erscheint genauso albern wie die Frage: «Warum hast du dich erkältet?» Doch auch hier ist die Motivation entscheidend. Hinter dem Verhalten stehen Verlangen und Wünsche. Abhängige mögen Sklaven ihrer Sucht sein, aber zu einem gewissen Grad sind sie es freiwillig. Ihre Motivation, weiterzumachen, besteht darin, Komfort, Vergnügen, Macht, vorübergehende Schmerzfreiheit, Rache, Autonomie und Ähnliches zu erlangen. Wenn man diese möglichen Motive ignoriert, überlässt man die Menschen der Willkür ihrer süchtigen Begierden. Selbst wenn sie sich enthalten oder sich unter Kontrolle haben, werden ihre Anstrengungen nicht ausreichen, um ihre fundamentale Motivation zu ändern.

Anders gesagt: Motive sind nicht nur bedeutsam, sondern in vielen Situationen müssen sie ans Licht gebracht und verändert werden. Wenn sich unsere Motivation nicht ändert, dann verändern wir uns auch nicht.

Beispiele von Motiven

Eine Liste möglicher Motive würde wohl endlos werden, aber es gibt ungefähr ein Dutzend, die besonders häufig auftreten. Fragen Sie sich einmal: «Was motiviert mich?», «Warum tue ich, was ich tue?», oder noch besser: «Was will ich wirklich? Wenn ich nicht ... habe, dann geht es mir schlecht.»

Hier sind einige mögliche Antworten:

Vergnügen, Macht

Freiheit/Autonomie, Frieden

Liebe/Intimität, Freude

Bedeutung/Ruf, Bequemlichkeit

Respekt/Bewunderung, Sinn

Kontrolle, Erfolg

Jedes dieser Motive hat Sie vermutlich zu irgendeinem Zeitpunkt einmal veranlasst, etwas zu tun, aber manche Leute haben ihre Spezialgebiete:

Der Mann, der immer dann zu spät oder unerreichbar ist, wenn es Arbeit zu tun gibt, könnte von Bequemlichkeit motiviert sein.

Die Ehefrau, der es furchtbar peinlich ist, wenn ein Überraschungsgast die Unordnung in ihrem Haus sieht, will ihren guten Ruf nicht verlieren.

Der Vater, dessen Kinder verängstigt sind und dessen Frau vorsichtig ist, sucht Macht.

Der Teenager, der sich aufregt, egal, um welche Zeit er zu Hause sein soll, will Freiheit.

Die Mutter, die für ihre Kinder nie einen Babysitter engagiert, sucht Kontrolle.

Das Ganze wird noch komplizierter durch die Tatsache, dass es für ein Verhalten oft mehrere Motive gibt. Der Mann, der sich vor der Arbeit drückt, kann faul und bequem sein, aber er könnte genauso gut Respekt, Erfolg und Bedeutung suchen. Er geht der Arbeit aus dem Weg, weil er fürchtet, etwas falsch zu machen und die Ehre bei den anderen zu verlieren.

Denken Sie an den Teenager, der keinem ausser sich selbst verantwortlich sein will und immer nörgelt, wenn die Eltern etwas von ihm wollen. Er könnte sich nach Unabhängigkeit sehnen, weil ihn die anderen cool finden, wenn er sich gegen seine Eltern auflehnt. Vielleicht drängt ihn das Bedürfnis nach Liebe und er will mit Freunden unterwegs sein, um schneller eine/n Freund/in zu finden. Es kann auch sein, dass er seinen Eltern sagen will: «Könnt ihr mich noch lieben, auch wenn ich nicht perfekt bin?»

Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 01/2019.

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