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von Inge Fischer
Wenn Fakten nicht mehr zählen ...
Der Begriff «Post-truth», «Zeitalter nach der Wahrheit», wurde vom wichtigsten Wörterbuch der Welt, dem Oxford English Dictionary, zum Wort des Jahres gewählt. Auch die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) kürte die deutsche Entsprechung «postfaktisch» zum Wort des Jahres 2016. Dieser Begriff ist aus zwei lateinischen Wörtern zusammengesetzt: post = nach, Fakten = Tatsachen. Nach dem Urteil der Jury werden öffentliche Debatten zunehmend von Stimmungen und Gefühlen und weniger von Fakten bestimmt.
Postfaktisch – was ist gemeint?
Postfaktisch steht für unsachlich, wahrheitswidrig und faktenverdrehend. Verbogene oder verfälschte Wahrheiten werden immer stärker als Tatsachen hingenommen. Dies gab es zwar schon immer. Neu aber ist, dass Unwahrheiten von einer breiten Bevölkerung zunehmend unbesehen akzeptiert werden. Faktentreue bröselt schon länger. Dass Tatsachen verbogen werden, kann u. a. damit zu tun haben, dass man Nachteile oder Unbequemlichkeiten vermeiden will. Das Leben ist so leichter und bequemer. Internet und die sozialen Netzwerke tragen erheblich dazu bei, dass sowohl gute Ideen, aber eben auch Unwahrheiten nahezu flächendeckend verbreitet werden können.
Bei der Beschäftigung mit dem neuen Phänomen «postfaktisch» werde ich unweigerlich mit dem Begriff «Wahrheit» konfrontiert. Wie steht es mit meinem Umgang mit der Wahrheit?
Einerseits steht Ehrlichkeit hoch im Kurs. Man wünscht sich ehrliches Verhalten, vor allem von Mitmenschen. Andererseits rechtfertigt man seinen eigenen Umgang mit Unwahrheit, z. B. seine eigenen «Notlügen», mit einfachen Entschuldigungen: «Ist ja nicht so schlimm»; «Alle machen das mal», oder: «Die Zeiten haben sich halt geändert». Bei diesen Erklärungen fällt auf, dass der Mensch sich selbst zum Massstab macht. So wird Wahrheit nach dem eigenen Geschmack oder Gebrauch veränderlich und auch willkürlich. Für sich selbst akzeptiert man dies, nicht aber bei den andern. Die Frage stellt sich: Bin ich selbst bereit, mich der Wahrheit zu stellen? Selbst dann, wenn es unbequem ist, Nachteile nach sich ziehen kann oder wenn ich Änderungen vornehmen müsste?
Pilatus und die Wahrheitsfrage: Wie neu ist «postfaktisch»?
Der römische Statthalter Pontius Pilatus richtete während des Gerichtsprozesses die Frage an Jesus: «Was ist Wahrheit?» Vorausgegangen waren Jesu Worte: «... ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe; jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme» (Joh. 18,37–38).Tragischerweise hat sich Pilatus dem Wahrheitsanspruch Jesu nicht gestellt. Seine Frage war nicht ehrlich gemeint. Er wollte nicht annehmen, was der Sohn Gottes als Tatsache verkündete. Vielmehr drückte er sich um eine Stellungnahme, liess dem Volk die Wahl und drückte sich so vor der Verantwortung. Das Volk entschied sich für den Mörder, für Barabbas!
Die Wahrheit in Person, der Sohn Gottes, wurde abgewählt und zum Tod verurteilt. Die Lüge, Barabbas, wurde ihm vorgezogen!
(Artikelauszug aus ethos 3/2017)
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